Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Osterjazz04.3)

19. International Theaterhaus Jazztage 10.04.04
Trio Töykeät – The Bad Plus – Aki Takase & The Good Boys
Die Achtundachtziger schlagen zu
Gefühlvolle Streicheleinheiten mit weichen Fingerkuppen und harte Schläge mit Handkanten und Unterarmen auf die 88 Tasten des Flügels, der mit schimmernden Klangperlen und schreienden Dissonanzen antwortet.
Außergewöhnliche Pianisten überraschten am Ostersonntag mit ihren Jazzformationen das in Scharen erschienene Publikum: Drei Coole aus dem hohen Norden, ein Power-Trio aus dem Mittleren Westen und eine Japanerin mit kirschrotem Mund und ihren vier Berliner Jungs. „Das Festival der Entfdeckungen“ nahm seinen Lauf.
Das den Piano-Abend überragende Trio Töykeät aus Finnland mit Iro Rantala, Piano, Erik Siikasaari, Bass, und Rami Eskelinen, Schlagzeug, besticht durch frische Virtuosität, eine positive Ausstrahlung und Spielfreude. Dass sie an der Sibelius Akademie in Helsinki studiert haben, erklärt ihre intime Nähe zur Klassik und eine elaborierte Technik; dass das Trio schon seit 1988 zusammen spielt, das blinde Verständnis und die traumwandlerische Sicherheit der Protagonisten; dass daraus Kunst wird, die einen fröhlich stimmt, lässt sich nicht so ohne weiteres erklären. Kunst, so scheint es, behält halt ein letztes Geheimnis für sich.
Rantala verfügt über eine meisterhafte Technik und – das unterscheidet ihn von vielen klassischen Pianisten, die sich im Jazz versuchen – er kann wunderbar improvisieren, er hat das nötige Feeling für die Abläufe des Jazz. Mit schmetterlingshafter Leichtigkeit huschen seine Hände, die aber auch richtig zupacken können, über die Tasten. Die Version von Charlie Parkers Conspiration oder die Interpretation von There Will Never Be Another You (Harry Warren) sind wirklich „High Standards“, wie die bei Blue Note erschienene CD selbstbewusst betitelt ist. Umrahmt von der dynamischen Geometrie des Trios erscheinen die Weite des finnischen Himmels und eine fast erotische Vorliebe für die Frische des Jazz, die Schwermut des Tangos und Schwindel erregende Walzer: Kammermusikalischer Jazz vom Feinsten.
Hard Rock und Free Jazz, Black Sabbath und Ornette Coleman, sind die Wurzeln eines ganz anderen Klaviertrios. The Bad Plus aus dem stockkonservativen Mittleren Westen der USA bringen Eigenkompositionen („Big Eater“ oder „Everywhere You Turn“) zu Gehör und jazzige Cover-Versionen auf den Weg: etwa Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ (1991) oder „Heart of Glass“ (1976) von Blondie. Explosive Rhythmuswechsel überrollen die Harmonien wie gewaltige Wellen, sodass die Struktur der Kompositionen schlagartig in sich zusammen stürzt, um am Ende wieder hergestellt zu werden. Dieses lustvolle Dekonstruktionsverfahren macht einen schier schwindelig und wirkt anfänglich ansteckend witzig, ermüdet aber mit der Zeit durch immer dasselbe, mit hohem Dauerdruck vorgetragene Stilprinzip. Eine reine Freude der geschmeidige, einfallsreiche David King am Drum Set, während Bassist Reid Anderson mit allzu schlichter Spielweise deutlich abfällt und Ethan Iverson sich in der Rolle des Professors gefällt, wie der Pianist in den Bordellen von New Orleans zu Beginn der Jazzära genannt wurde.
Seit über zwanzig Jahren bereichert die japanische Jazzpianistin Aki Takase, 56, die deutsche Jazzszene – als Schöpferin außergewöhnlicher Projekte und als herausragende Instrumentalistin. Rudi Mahall, Deutschlands Bassklarinettist Nr. 1, Saxophonist Walter Gauchel, Bassist Johannes Fink und Drummer Heinrich Köbberling sind Takases Good Boys, die sie auf ihrem Parforceritt zwischen Swing und Avantgarde, gebundener Form und Chaos begleiten. Mit fröhlichem Stride Piano und heftigen Unterarm-Clusters, perlenden Läufen und platzenden Akkordtrauben spielt sich die Wahlberlinerin wie eine Jazzhexe völlig kitschfrei im aberwitzigen, aber nicht sehr kohärenten Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Jazz. Manche hatten sich auf die Verbindlichkeit ihres aktuellen Fats-Waller-Programms gefreut. Umsonst. Stattdessen: „Inkontinenz“ und „Blasen- und Nierentee“ – wie die frechen Eigenkompositionen von Takase und Mahall heißen. Neuen Swing nennt die Asiatin diese Musik. Völlig zu Recht: Eine starke Performance, ein tolles Vergnügen, Respekt! Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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