Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Osterjazz 2009 Theaterhaus Fr, Sa, So)
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23. Internationale Theaterhaus-Jazztage Ostern 2009, Jazzländerspiel Deutschland Österreich
Magmaheiß brodelnd kocht der Rhythmus, den Pianist Joachim Kühn, der phänomenale Schlagzeuger Jarrod Cagwin und der libanesische Oud-Spieler Rabih Abou Khalil produzieren. Khalil reißt mit dem Federkiel kolibriflink die zwölf Saiten seiner Laute an, während Kühn bedrohliche Blockakkorde aufschichtet, bevor er seiner Rechten plötzlich freien Lauf lässt. Jetzt trifft vielstimmiges Bachsches Fugenwerk auf knallharten Jazz. Sogwirkung entfaltet dieser Jazz, der dem Rhythmus entspringt wie das Leben dem Wasser. - Zart, zupackend, schräg und schwelgerisch bewegen sich der Wiener Klaus Paier und die kroatische Cellistin Asia Valčič durch die Klangräume ihrer kammermusikalischen Improvisationsmusik, in der sich Tango, Valse Musette und Balkantänze finden. Während das Cello summt wie ein Schwarm wilder Bienen, fächert Paier sein Akkordeon auf, um ihm virtuos Töne von spröder Melancholie zu entlocken. Valčič antwortet mit wunderbar warmen und vollen Celloklängen. - Wie ein Sturz aus elysischen Höhen auf den harten Boden der Tatsachen mutete der bemüht gefällige Popjazz des Ulita Knauss Quartet an. Die blonde Hamburgerin singt gut, hat aber nicht viel Charisma, und ihre Band im Theaterhaus: Mittelmaß. - Das änderte sich mit dem Klaus-Graf-Quartett, das sich als hochenergetische und gefühlvolle Combo präsentierte. Zwischen Ungestüm und Abgeklärtheit, zwischen Vorbildern wie Phil Woods und der eigenen Biographie hat der hervorragende Altsaxophonist aus Ditzingen seine Mitte, seine eigene Stimme gefunden. Eine Studentin, die 19-jährige Saxophonistin - Kati Brien aus Fellbach, faszinierte mit ihrer blutjungen Berliner Band. Erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit, mit welcher musikalischen Reife die fünf sich in den Klanglandschaften des modernen Jazz bewegen. Die Zukunft steht ihnen weit offen. - Ebenso ernsthaft, aber versehen mit allen Attributen eines Stars trat die in Mainz lebende Aziza Mustafa Zadeh auf die Bühne, die anmutige, so fragil wirkende aserbaidschanische Pianistin und Sängerin. Mit ihrer Erscheinung, die manche von einer fremden Märchenprinzessin träumen lässt, ihrer stupenden Klaviertechnik und ihren gesanglichen Fähigkeiten zieht sie das Publikum in ihren Bann. Im Repertoire hat sie Platz für Allerlei: für orientalische Lieder ihrer Heimat, für Händel, für Opernarien – und für elegant dahin fließenden Jazz. Dass auch ein paar kitschige Momente darunter sind, vergibt man der Dame gern. Nach der andächtig zelebrierten Stimmung der zarten Flügelelfe freute man sich schon auf das Kontrastprogramm, bei dem es Saxophonist Wolfgang Puschnig aus Wien richtig krachen lassen sollte. Hereinmarschiert kamen hinter Chef Robert Pussecker die Amstettner Musikanten. Wie sich’s ziemt mit krachledernem Beinkleid, Haferlschuhen und Wams – eine veritable Blasmusik. Die spielte zünftig auf, als fünf ganz andere Musiker zu ihren Instrumenten griffen und mit elefantösen Trompetenstößen (Herbert Joos), tauchsiederheißem Saxophon (Puschnig), schaukelnder Brummtuba (Jon Sass) die Alpenmucke aufmischte, dass es eine helle Freude war. Da blieb kein Auge trocken, und aus den Posaunen tropfte Spucke. „Alpine Aspekte“ nennt sich dieses Aufeinandertreffen von archaischer Blasmusik und Jazzavantgarde, als lebte Ornette Coleman in Amstetten. Florian Silbereisen wünschte man einen Fernsehauftritt dieser herzerfrischenden Herren! - In der Stimme von Lisa Bassenge, die vor ihrem sehr kultiviert spielenden Quartett vor allem Songs aus den 80-er Jahren sang (The Cure, Sugarbabes, Eurythmics), ist ein Staunen und ein Wissen, Honig und Salz. Auf dem Feld der erwachsenen Pop-Jazz bietet die 34-jährige Berlinerin wohl das Beste, das man zurzeit in Deutschland finden kann. Mit Wehmut und Neugier wurde das Stuttgarter Jazzorchester erwartet, das unter Mitwirkung von Wolfgang Dauner Material des United Jazz & Rock Ensemble spielte. Die Wehmut war wie weggeblasen, als die von Drummer Obi Jenne zusammengestellte Zehn-Mann-Bigband loslegte. Scharf geschliffene Bläsersätze, ein mächtig rollender warmer Rhythmus und starke Solos ließen Dauner am Flügel strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Die Kompositionen der drei toten United-Mitglieder Volker Kriegel, Albert Mangelsdorff und Ian Carr wirken – so interpretiert – frisch und knackig wie eh und je. Die von Dauner sowieso. Das Publikum bejubelte Rockjazz aus einem Guss. - Vom Eise befreit sind inzwischen Strom und Bäche, der Osterspaziergang gemacht, die Eier gefunden, und die 23. Jazztage im Stuttgarter Theaterhaus über die Bühne gegangen. Mit dem Konzert des großartigen Geigers Gregor Hübner sind sie gestern auf hohem Niveau ausgeklungen. Buntes Gewimmel gab es im Theaterhaus trotz Krise, 2600 Konzertbesucher in fünf Tagen. Sieben österreichische und zwölf deutsche Auftritte bot das Jazzländerspiel, Akustisches, Elektrisches, Männlein, Weiblein, Junges und Reifes. Der Jazz vibrierte. Die Szene lebt. Und das ist auch gut so. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber