Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Osterjazz 2007)
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Osterjazz Theaterhaus (6.-8.4.2007)
57 Jahre nach dem ersten Fußballländerspiel Deutschland – Schweiz, das vor 103000 Zuschauern in Stuttgart 1:0 endete, fand nun das erste Jazzländerspiel statt. Mit rund 100000 Zuschauern weniger, die ins Theaterhaus auf dem Pragsattel pilgerten, war es für die Veranstalter gerade noch annehmbar besucht. Dieses Mal trug die Schweiz den Sieg davon.
Von 21 Konzerten in fünf Tagen bestritten die Eidgenossen allein dreizehn. Nicht nur wegen der Anzahl, sondern wegen der Qualität ihrer Auftritte gingen sie als klare Sieger vom Platz. Dagegen fällt es nicht leicht, herausragenden Jazz aus deutschen Landen zu benennen. Angespannt, ja verkrampft wirkten die Lokalmatadoren des Trios Limes X mit ihrer Passionsmusik. Bloß mittelmäßigen Musikklamauk boten die Gebrüder Kerber aus dem Allgäu.
Die deutschen Hoffnungen ruhten dann auf Jungjazzern aus der Hauptstadt. Das Sextett Berlin Calling kam ziemlich hyperaktiv daher, vieles aber klang – auf durchaus hohem Niveau – austauschbar und beliebig. Blieb nur noch das Berliner Klavier-Trio [em] von Michael Wollny, dem Shooting Star des deutschen Jazz. Ein Festival braucht charismatische Persönlichkeiten, und Wollny ist auf dem besten Weg dahin.
Kontrabassistin Eva Kruse, Schlagzeuger Eric Schaefer und er funktionieren wie ein einziger Organismus - auch bei waghalsigsten Tempo- und Stimmungswechseln. Wollny ist ein Quereinsteiger in den Jazz. Vielleicht klingt sein Spiel deshalb so klischeefrei, unverbraucht und frisch. Und er ist vor allem ein Rhythmusmensch, der nicht einmal vor Clusters zurückschreckt. Einer, der den Flügel zum Schwingen bringt, einer, der mit dem Klavier tanzt. Gefühlstiefe und Ideendichte zeichnen diesen jungen Jazz aus, der sich bestens eignet als Soundtrack für nervöse Kamerafahrten durch eine nächtliche Großstadt wie Berlin.
Eine Überraschung aus deutscher Sicht bot eine eigens für die Jazztage zusammengestellte Formation: das Michael-Brecker-Memoriam-Projekt. Vier der besten deutschen Tenorsaxophonisten aus Köln, München und Stuttgart (Paul Heller, Tony Lakatos, Libor Sima und Andy Maile) teilten sich ihre kreative Trauerarbeit um den im Januar verstorbenen Michael Brecker, den weltbekannten Holzbläser, der sie alle geprägt hat. Mit Olaf Polziehn am Klavier, einer druckvoll agierenden Rhythmusgruppe und geleitet von vorzüglichen Arrangements Simas (überragend: „Nothing Personal“), faszinierte das Festivalseptett nicht nur das Publikum, sondern auch den hinter dem Vorhang lauschenden Joe Lovano, einen anderen großen Tenoristen aus New York, der mit Brecker noch bis kurz vor dessen Tod musiziert hat. Als dann am Ende die Lovano-Nummer „Alexander The Great“ gespielt wurde, gab es für den großen Mann mit der Baskenmütze und den schwarzen Chucks kein Halten. Mit mächtigem Ton blies der Jazzschlachten Erprobte die deutschen Jungs schier von der Bühne. Da konnte man sich schon fragen, ob das neue Osterjazzkonzept der Länderspiele für die Zukunft taugt. Erfolgversprechend scheint es nur, wenn um Auftritte charismatischer Jazzmagnete junge, weniger bekannte Bands gruppiert werden.
Charisma und jede Menge Energie hat die Entertainerin und Vokalistin Erika Stucky. Bei ihrem umjubelten Auftritt war der Saal T 2 restlos ausverkauft. Wie sie blitzschnell vom breiten Kaugummiamerikanisch zum heimeligen Schwyzerdytsch, vom New-Orleans-Voodoo („I Put A Spell On You“) zum Emmentaler Jodler („Zeuerli“) wechselt, wie gut sie singt und wie sie – begleitet von einem Drummer und zwei Synchronbläsern (Alphorn, Muschel, Posaune) - die Menschen zum Lachen und Staunen bringt, das ist eine Wucht!
Catscan, eine andere Schweizer Band mit zwei Stargästen (Joe Lovano und Eric Truffaz, Trompete) und zwei Gitarristen, zwei Bassisten und einem Drummer jazzte zu später Stunde. E-Gitarrist und Bandleader Harald Haerter spielt stets, als hinge sein Leben davon ab. Ein irgendwie bedrohlich brodelnder Sound breitet sich aus, über den Chorusse wie Feuerfontänen in die Höhe schießen und als Lavaströme sich ergießen.
Das Glanzlicht am helvetisch besetzten Ostersonntag: Die Concert Jazz Band des ebenso kompetenten wie charmanten Orchesterchefs George Gruntz. Gespickt mit vorzüglichen Solisten, präsentiert sich diese Bigband als austrainierter Klangkörper und spielt sperrig, geschmeidig, aufbrausend oder süffig, ganz wie die Nummern von Monk oder Mingus es erfordern.
Zuvor fehlte dem Double Quartet des Exilschwaben Joe Haider, einem elegisch gestimmten Ellington-Nacheiferer, die nötige Dynamik, um das Festivalpublikum mitreißen zu können. Im kleinen Saal nebenan - auch er nur zur Hälfte besetzt - überraschte das junge orientalisch angehauchte Gitarrentrio OUA.CH mit quicklebendiger Improvisationsmusik und einer Weltoffenheit, die mit der Schweizer Hermetik reizvoll kontrastiert.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber