Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Osterjazz 17.4.06)

Osterjazz Theaterhaus, 17. 04. 06
Im kleineren Theaterhaussaal T3 brachte Bernd Konrad einen gut trainierten Klangkörper namens Landesjugendjazzorchester BaWü auf Touren. Das war für den Herr Professor ein Leichtes, wurde er doch unterstützt durch Jiggs Whigham und namhafte Ex-Mitglieder wie Klaus Graf, Andy Maile oder Holger Nell. Lernziel erreicht: It Don’t Mean A Thing If It Ain’t Got That Swing.
Zuvor hatte beim Festival-Spezial das Trio von Thomas Siffling, Landesjazzpreisträger 2005, mit hübsch entspanntem Trompetenjazz die Ohren geöffnet.
Unterdessen ging im großen Saal T2 das Hauptprogramm des Osterfestivals unter dem Titel „Offene Zweierbeziehung“ über die Bühne: Aktiv wurden dabei ein Damen- und zwei Herrendoppel.
Den Auftakt macht ein Traumduo, das keiner so schnell vergisst, der es erlebt hat: der unterfränkische Tastenkünstler Michael Wollny, Jahrgang 1978, trifft den eigenwilligen hessischen Holzbläser Heinz Sauer, Jahrgang 1932. Da tun sich Klanglandschaften mit sanften Tälern auf, aber auch mit jähen Klüften und schroffen Abgründen. Wollny, ein exzellenter Improvisator, wird von einer rhythmischen Unruhe angetrieben wie ein Uhrwerk. Seine Palette reicht vom impressionistischen Tupfer bis zur ungestümen Expression, von einer erdigen Bluesharmonie bis zur schrillen Dissonanz. Mitunter allerdings wäre weniger Zerstückelung mehr. Einmal düster und rau kommt das Saxophonspiel daher, dann licht und sanft. Sauer, eine eigenwillige Figur des deutschen Jazz, changiert bei seinem skizzenhaften Spiel zwischen Coltrane und Hawkins.
Der Steinway-Flügel bleibt auf der Bühne. Aki Takase, der Frau des Berliner New-Jazz-Pianisten Alexander von Schlippenbach, nimmt daran Platz. Die Japanerin im kleinen Schwarzen pflegt einen zupackenden Klavierstil und scheut nicht einmal vor Ellbogen-Cluster bei einem astreinen Stride-Piano zurück. Da gurrt und schnurrt die Vokalistin Lauren Newton aus Oregon, die in Stuttgart Gesang studiert hat und schon lange in Tübingen lebt. Sie wirft der Partnerin mit dem grell roten Schmollmund verschiedene Stimmen und Stimmungen zu, Laute und Wörter, die diese auffängt, um sie als heftige Tastentöne zurückzuschleudern. So entstehen aberwitzige Dialoge, die Assoziationen an ein sehr schnelles Pingpong-Match wecken. Ein dadaistisches Spektakel, das durchaus Spaß macht (und dem Klavierstimmer danach Mühe), wenn man sich nur darauf einlässt.
Simon Nabatov und Nils Wogram, das dritte und letzte Duo, lieben ebenfalls Kontraste und rasche Wechsel. Für den 47-jährigen Pianist und seinen dreizehn Jahre jüngeren Partner scheint es kaum technische Hindernisse zu geben, so leicht und selbstverständlich finden das russische Schwergewicht am Klavier und der Überflieger an der Posaune den Weg auch durch schwierigste Passagen. Kein Wunder wird Wogram von manchen in der Mangelsdorff-Nachfolge gesehen. Das Duo pflegt ein fein verzahntes Spiel, legt Wert auf präzise Abläufe, Spannung und Entspannung und freut sich, wenn das Publikum staunt. Keine schlechte Haltung am Ende eines Musikfestivals.
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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