Artikel geschrieben am: 09.06.10

Silbermond

Silbermond, Neues Schloss – 9.6.2010

Zum zweiten Mal findet auf dem Stuttgarter Schlossplatz das SWR-Sommerfestival statt. Flanierenden Besuchern wird bei freiem Eintritt Zugang zu diversen „Erlebniswelten“ geboten. Vor der imposanten Kulisse des Neuen Schlosses machte – nun allerdings für 30 € pro Stehplatzkarte – die  deutsche Pop-Rock-Gruppe Silbermond an diesem sehr heißen Mittwochabend den umjubelten Festivalauftakt.

Über dem pumpenden Beat der Bass-Drum im Rhythmus des Herzschlags erhebt sich die helle Stimme von Stefanie Kloß. „Alles Gute liegt vor dir“, singt sie gut gelaunt und lässt offen, ob sie die Zukunft an sich oder ihr Konzert im Besonderen meint. Sofort springt der Funke über. Das junge Publikum, darunter viele Mädchen, reckt die Arme in die Höhe und deutet gemeinsam Wellenbewegungen an. Sie wollen ein „Meer sein“, wie das nächste Lied heißt. Ein Meer wird es zwar nicht ganz, aber doch ein ansehnlicher See im Innenhof des Neuen Schlosses. „Durch die Nacht“ führt der musikalische Silbermond-Trip. Bei diesem Kuschellied umschlingen sich die Pärchen, und die Singles schließen verträumt die Augen. Geschickt nimmt die Band plötzlich die Lautstärke heraus, das vorher knackig gespielte Schlagzeug beschränkt sich auf eine leichte rhythmische Skizze, und Steffi Kloß lässt die Leute als vielstimmigen Chor den Song zu Ende singen. So entsteht das Wir-Gefühl, das Silbermond-Konzerte auszeichnet. Und so wird es verstärkt: Thomas Stolle an Saiten und Tasten, sein Bruder Johannes am Bass, Drummer Andreas Nowak und die Frontfrau, die mit ihrer Bühnen-Show von ferne an die junge Nena erinnert, kommen während des anhaltenden Beifalls zu den Menschen in den hinteren Reihen und spielen zu deren Freude eine fröhliche Unplugged-Nummer. Dann geht’s zurück zur Bühne. Die wird mit einem Dutzend Leute aus dem Publikum zum Tanzboden gemacht. Rhythmische Gymnastik, Hüpfen und Springen, lachende Gesichter.

 „Willkommen, o silberner Mond!“ - so begrüßte einst der Dichter Klopstock den Erdsatelliten, nach dem sich die ostdeutsche Combo aus Bautzen benannt hat. Doch nicht nach dem stillen Himmelskörper richteten sich die Blicke der besorgten Veranstalter der Konzertdirektion Russ und des SWR, sondern nach sich auftürmenden Wolken. Heftige Gewitter nämlich hatten die Meteorologen am Mittwoch prophezeit. Die tropische Temperatur schien den rund fünftausend jungen Menschen nichts auszumachen. Sie schwitzten und hatten Spaß. Die Arme wurden weiter in die Höhe gestreckt und im Rhythmus der Songs bewegt, sodass es von oben aussah wie eine Wiese, durch die ein Sommerwind streicht. Im Blitzlichtgewitter der Handys rockte eine ausgezeichnete deutsche Live-Band. Als beste Newcomer des Jahres hatte Silbermond 2005 einen Echo erhalten, es folgten Bambi, goldene Schallplatte und Doppel-Platin. Dann: Best National Rock-Pop-Group 2009 (MTV), Bester Live-Act 2010 (Echo), Beste Band 2010 (Comet) – die Superlative nehmen kein Ende. „Das Beste“ heißt auch ihr bekanntes Liebeslied, das als zweite umjubelte Zugabe unisono aus der Kehle von Steffi Kloß und weiteren fünftausend erschallt. Das entfaltet auf dem Platz vor der einstigen Barockresidenz eine beeindruckende akustische Kraft. Wieder wiegt sich das junge Publikum zu den weichen Klängen im Takt als sei es ein einziger Organismus. Die Frage, ob die Texte klischeebehaftet, die Musik nicht ein wenig schlicht sei, spielt in dieser Konzertnacht für die Besucher keine Rolle. Ausgelassen wird gefeiert: eine Riesenparty, zu der Silbermond den Sound-Track liefert. Und Stuttgart rockt, bis kein T-Shirt trocken bleibt. Vom angekündigten Gewitter und Starkregen wurde das Open-Air-Konzert dann doch verschont. Aber den Silbermond konnte man nicht am Himmel stehen sehen. Nur der Mercedesstern drehte sich in der Nacht, und der Hirsch über dem Kunstgebäude strahlte.

Thomas Staiber

 

 

 

 

 

 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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