Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Ochs, Larry 29.11.2009 Diesel)
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Larry Ochs Sax & Drumming Core, 29.11.2009 Dieselstraße
Ton und Detonation
Nirgends sonst in der Region werden die Spielarten des zeitgenössischen Jazz konsequenter präsentiert als in der Esslinger Dieselstraße. Nur hier kann man sich seit vielen Jahren einen Überblick über die deutsche und internationale Avantgardeszene verschaffen. Am Sonntagabend stellte Larry Ochs vom Rova Saxophon Quartet sein neues Projekt vor. Ungewöhnlich die Besetzung mit zwei Schlagzeugern, Saxophon, Trompete und Tasteninstrumenten, außergewöhnlich die Musik. Wer da mit ungeübten Ohren zufällig hineingeriet, griff zu Oropax oder ergriff gleich die Flucht. Kenner und vorurteilslosen Rezipienten dagegen erlebten bizarre urbane Klanglandschaften, hinter denen sich ein Horizont von verstörender Schönheit auftat. Spröde Abstraktionen zwischen kühlem Kalkül und wilder Eruption, fern aller Gemütlichkeit, wechselten sich ab auf einem sich immer schneller drehenden Klangkarussell. Aus einem sehr reserviert geführten Dialog der Drummer entwickelte sich ein ekstatisches Perkussionsduell, bis Satako Fujii aus Tokio mit der Linken in die Saiten des geöffneten Flügels griff und mit der Rechten Klänge wie Frisbeescheiben durch den Raum schweben ließ. Unvermutet ließ Larry Ochs mit dem Tenorsaxophon eine kleine melodische Sequenz aufblühen, um sie gleich genüsslich zu zerpflücken. Schrill blies Natsuki Tamura mit der Trompete zur Attacke, unterlegt von knochentrockenen Trommelwirbeln. Eine heftige Kollektivimprovisation drängte ins Freie, bevor wieder Stille einkehrte. Die Ruhe nach dem Sturm. Im Kraftfeld von Flüstern und Schrei, Fluss und Stau, von Konstruktion und Chaos war aus dem freien Spiel der Kräfte ein faszinierender Hochspannungsjazz entstanden. Doch ließen im zweiten Set die Kräfte hörbar nach – vielleicht wegen des Jet Lag nach der langen Reise oder der Verdauungsmüdigkeit nach einem kräftigen schwäbischen Mahl - und die New-Jazz-Formation Larry Ochs Sax And Drumming Core verzettelte sich in lauter kleinen Interaktionen und Lautmalereien, sodass die Spannung flöten ging.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber