Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Nübel, Verena 2010)

Verena Nübel, 11.1.2010
Sie redet schnell, ist ungeduldig und will alles auf einmal. Verena Nübel, gerade mal 21 Jahre jung, ist ein Rohdiamant, der an der Musikhochschule Stuttgart geschliffen wird. Ihr Fach, der Jazzgesang, wird von Kommilitonen, die zur Hybris neigen, nicht ganz für voll genommen – nur als jemand, der ein Instrument spiele, sei man ein vollwertiger Musiker, meinen die. Das ärgert Verena Nübel, die ansonsten gerne lacht, maßlos. Um sie ein wenig zu besänftigen, sage ich ihr, dass da Neid mitschwingen könnte, denn die Vokalisten stehen auf der Bühne im Scheinwerferlicht, während die anderen sich oft als Begleitmusiker im Hintergrund sehen.
Bühnenerfahrungen sammelt die junge Sängerin schon fleißig: Im Landesjazzorchester unter Leitung von Prof. Bernd Konrad wirkte sie bei zwei CD-Produktionen mit („No More Blues“, „Brass Machine“), letztes Jahr trat sie mit der Band von Tobias Becker beim großen Stuttgarter Festival Jazz Open auf, sie erhielt vom Lion’s Club einen ersten Peis, sie leitet in ihrem zarten Alter schon das eigene Verena Nübel Quartett und ist die Frontfrau der Soul-Band der Musikhochschule Stuttgart, die vom Gitarristen Werner Acker sehr gut eingestellt wird. Mit bekannten Nummern aus den 60-er und 70-er Jahren sorgte diese junge Band für Begeisterung – bei der Esslinger Stadtinszenierung „Stadt im Fluss“ genauso wie in der brodelnden Clubatmosphäre des Stuttgarter Jazzclub Bix. Wenn man sich bei der Band ein noch strafferes Spiel, noch schärfer geschliffene Bläsersätze und kürzere knackige Chorusse wünschen würde, die junge Sängerin mit ihrer perfekten Phrasierung und einer astreinen Intonation überzeugt restlos. Verena hat Soul in der Stimme, und sie klingt ziemlich sexy, wenn sie eine Nummer von Otis Redding oder Aretha Franklin singt. Ihre Bühnenpräsenz spürt das Publikum, ohne dass sich Verena Nübel aufdrängen müsste. Sie ist eine kollegiale Musikerin und mimt nicht den Star. Auf der Bühne ist sie ganz in ihrem Element. Sie findet es „geil“, vor einer Bigband zu singen und von deren Druckwellen durchflutet und angetrieben zu werden, genauso weiß sie als Vokalistin die Intimität einer kleinen Combo, eines Quartetts beispielsweise, zu schätzen. Doch obwohl Verena Nübel, die mit dem jungen Jazztrompeter Christian Mück befreundet ist, von der Natur mit viel Talent ausgestattet wurde, hat sie noch einige intensive Semester mit Harmonielehre, Gehörbildung, Klavierunterricht und Jazzgeschichte vor sich. Und drei, vier Stunden tägliches Üben auf ihrer Studentenbude. Anika Köse, die Dozentin in Jazzgesang, legt vor allem Wert darauf, dass sich Verenas Improvisationskompetenz erweitert. Sie weiß, sie hat es mit einer begabten Studentin zu tun, aber eben auch mit einer, die alles auf einmal will und deshalb Mühe hat, sich auf langfristige Entwicklungsprozesse einzulassen. Nun lernt sie die lateinische Bedeutung des Wortes „studere“ kennen: sich bemühen. In die Wiege wurde ihr das Talent gelegt, der Rest ist Arbeit.
Aufgewachsen ist Verena Nübel in dem Dorf Flözlingen bei Rottweil, wo ihre Mutter Deutsch an einem Gymnasium unterrichtet. Der Herr Papa ist Jurist und spielt jeden Abend Gitarre und singt mit der Familie Lieder, etwa von den Beatles. Jedem fiel die glockenklare Stimme und die Musikalität der kleinen Verena auf, die davon träumte, einmal ein Musicalstar zu werden. Jazz wurde im Hause Nübel kaum gehört. Erst durch „Port Of Call“, eine CD von Silje Neergaard, wurde das Interesse der damals 15-jährigen Gymnasiastin geweckt. Besonders gefiel ihr, „wie diskret und trotzdem tierisch“ die Band groovte. Im Unterschied zum Hauruck-Rhythmus, den sie in der Disco nur mit Ohrstöpseln ertrug.
So ergab sich eins aus dem anderen: Sie ließ sich von Patti Austin faszinieren, fand den vehementen Bigband-Swing von Count Basie „ganz toll“ und natürlich Billie Holiday und die große Ella Fitzgerald – „auch wenn heute nicht mehr mit so viel Vibrato gesungen wird“, wie sie kritisch ergänzt. Von der Musikschule Rottweil ging es nach Trossingen an die Musikhochschule und von dort weiter nach Stuttgart zum Studiengang Jazz und Popularmusik. Verena Nübels Perspektiven sind zweifellos viel versprechend. Man darf gespannt sein, was von ihr zu hören sein wird. Eine der besten Stimmen weit und breit hat sie jetzt schon. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild