Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Nylon 10.2007 ES)
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Nylon, Esslinger Dieselstraße, 26.9.07
Ein ostinater Disco-Beat, den Schlagzeuger Paul Kleber knackig inszeniert, wird von den schwebenden Klangflächen zweier Keyboards (Hagen Demmin und Arnold Kasar) durchblendet. Ein zeitgenössischer Groove beherrscht die Szene. Doch dann betritt eine dunkelhaarige Frau im tief ausgeschnittenen lachsfarbenen Abendkleid die Bühne, ihre roten Lippen nähern sich sanft dem Mikrophon, und sie hebt an, mit heller Stimme zu singen. Dann schließt sie die Augen, dehnt die Silben ein wenig und bringt eine sinnliche Langsamkeit ins Spiel Alles ändert sich. Mit Lisa Bassenge (französisch auszusprechen), der aparten Sängerin der Berliner Gruppe Nylon, begibt man sich auf eine musikalische Reise in die Blütezeit des deutschen Chanson. Tatsächlich gelingt es ihr, die Lieder von damals so authentisch zu interpretieren, dass die Aura von Stars wie Marlene Dietrich spürbar wird. Und die Zeit, als die Damen Nylonstrümpfe trugen. Und die Band mit ihren Hiphop-, Ambient- und Soul-Sounds sorgt dafür, dass das Ganze nicht im nostalgischen Klangbad verschäumt.
„Die Liebe kommt, die Liebe geht“ ist so gut geschrieben, dass es einen immer noch berührt. Und die Lieder von Friedrich Hollaender sind mit ihrer hübschen Poesie und ihrer feinen Ironie bis heute unübertroffen. „Johnny, wenn du Geburtstag hast“ - Lisa Bassenge singt das Lied von der Lust, lächelnd applaudiert das Publikum, und wir freuen uns über den schönen Klang der deutschen Sprache.
Nylon mit dieser charismatischen Vokalistin gelingt in der Tat das Kunststück, die Tradition des deutschen Chanson, das beinahe von Hits erschlagen wurde, in unserem Jahrhundert auf eine höchst angenehme Weise zu beleben. Interpretiert werden Lieder von Hildegard Knef, einer anderen Berlinerin, („Der Mond hatte frei“) oder von Manfred Krug, dem singenden und hellgrünen Wackelpudding löffelnden Schauspieler („Früh war der Tag erwacht“). Auch übersetzte Songs von Carol King finden sich im Programm („So weit, so weit“), das Lied von der Fernbeziehung.
Mit derselben mondänen Lässigkeit singt Lisa Bassenge starke Eigenkompositionen von Liebesleid und Liebeslust. Und wenn der Keyboarder dann sein Weltmeister-Akkordeon in den Arm nimmt, und ein wiegender Rhythmus den Klangraum erfüllt, tanzt sie. Aber nur ein bisschen. Dabei beißt sie auf die Unterlippe und haucht „Wenn ich mir was wünschen dürfte“. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber