Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Moustaki, Georges 07)
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Georges Moustaki, 10. 03. 2007, Beethoven-Saal
Der Geruch ihres Haares wird zur Melodie
Manche Männer sehen im Alter besser aus. Der französische Dichter Victor Hugo etwa oder auch der Chanson-Sänger Georges Moustaki. Als der die Bühne betritt, sieht er ein bisschen aus wie Karl Marx nach einer Fastenzeit. Schlanke Gestalt, sehr aufrecht, sehr ernst, weißer Vollbart, dunkle Augen, sanfter Blick. Ein Prophet, ein Guru? Jedenfalls ist er der im Ausland bekannteste französische Chansonnier, und daheim in Frankreich wird er an Popularität nur noch von Charles Aznavour überragt. Aber was heißt daheim?
Moustaki, der über dreihundert Chansons geschrieben hat - unter anderem in jungen Jahren „Milord“ für seine Geliebte Edith Piaf - ist ein Métèque, ein Vagabund, ein Umherschweifender, der sich in allen Himmelsrichtungen vom Wind das Haar zerzausen lässt. In Alexandria kam er 1934 als Sohn eines jüdischen Buchhändlerpaares aus Korfu auf die Welt und besuchte dort ein französisches Internat, auf dessen Schulhof Arabisch, Italienisch, Griechisch, Armenisch und Englisch gesprochen wurde. Gern erinnert sich kosmopolitische Troubadour an dieses Babel: „Meine Erinnerungen altern nicht, ich hab immer noch Heimweh nach Alexandria“, singt er in französischen Alexandrinern mit warmer, stets ein wenig rauchig, am Ende des über zweistündigen Konzerts auch etwas brüchig klingenden Stimme. Im Arm hält er die Gitarre und lässt sich von der trockenen Melancholie des Akkordeons begleiten, sanft schaukelnd im Rhythmus einer Valse Musette. Moustaki intoniert nicht den Marsch der Ordnung, er singt „Ma Liberté“, das Lied der Freiheit (, die er dann für ein Liebesgefängnis „verrät“). Und bei „Sacco et Vanzetti“ (Musik: Morricone) gar das Lied einer in romantisches Licht getauchten Anarchie.
Wie viele liebt auch er Wein, Weib und Gesang. Bei frechen sinnlichen Reimen lächelt der musikalische Epikuräer ein bisschen und seine Augen verlieren für einen Moment das Träumerische, das sich aber gleich wieder einstellt, als er seine Einsamkeit besingt.
Gegen den Strich geht ihm das Klatschen, wie es in volkstümlichen Shows gepflegt wird, da bricht er das hübsche „Ein Schiff wird kommen“ abrupt ab. Dagegen freut er sich, wenn das Publikum – wenn auch ein wenig zaghaft – die Refrains mitsingt. „Le Métèque“ und „Mon vieux Joseph“ hat er dazu zum praktischen Medley geschnürt. Die Lieder, von seiner kleinen Band diskret begleitet, durchweht die Wehmut eines alten Mannes, der sich erinnert. Angst vor dem Tod jedoch hat Moustaki scheinbar kaum. Auf geschmeidigen Sambarhythmen gleitend, singt er das Lied von einer jungen barfüßigen Frau an einem weißen Strand, die sich graziös in den Hüften wiegt; er singt, dass er den Geruch ihres Haars einatmet, wenn sie schläft. „Wenn ich wiedergeboren sein werde, liebe ich das Leben noch einmal – J’aimerai la vie“. Ist der Tod - für ihn, für uns - eine „Éphémère éternité“, wirklich eine flüchtige Ewigkeit, wie Moustaki melancholisch im Walsertakt singt?
Thomas Staiber (Stuttgarter Nachrichten)
~ Thomas Staiber