Artikel geschrieben am: 11.11.10
Meine Damen und Herren,
zunächst eine persönliche Vorbemerkung:
Ich bin gerne zu Ihnen nach Ditzingen gekommen, weil mich mit dieser Stadt durch meine Urgroßmutter und durch meine Mutter verbunden fühle.
Meine Urgroßmutter Karoline Schmid, die der Brauereibesitzer Jakob Kurz aus Weilimdorf geheiratet hat, ist genau hundert Jahre vor mir auf die Welt gekommen. Und zwar hier auf dem Laien. Meine Mutter Ruth Staiber geb. Luipold lebte einige Zeit im Herrenhaus der Nippenburg bei der Familie des Grafen Leutrum als Klavierlehrerin.
Nun zum Anlass meines Kommens:
Ein Kulturpreis ist eine feine Sache. Alle haben ein frohes Lächeln auf den Lippen, besonders der Preisträger. Wenn der Preis nicht als Feigenblatt dient, um Kürzungen bei kulturellen Einrichtungen und Projekten schamhaft zu verbergen, lächle ich gerne mit. Kultur ist für mich keine Schminke auf dem Gesicht der rauen Realität, auf die man in Krisenzeiten halt verzichtet. Krisen, die nicht von uns Bürgern verursacht wurden, sondern von einem wild gewordenen Casinokapitalismus, der gerade so weiter macht, als sei nichts geschehen. Im kulturellen Leben finden Menschen zueinander, sie entdecken Potentiale und erweitern ihren Horizont. Kultur ist für eine demokratische Gesellschaft keine Kosmetik, Kultur ist unverzichtbar. Im Unterschied zum einen oder anderen gigantomanischen Bauprojekt – Sie merken, ich komme aus Stuttgart.
Einer, der Kultur täglich lebt, ist unser heutiger Preisträger Klaus Graf. Wenn er auf seinem Altsaxophon spielt, tut er das als ein ganzer Mensch. Ein Mensch mit Verstand, Herz und Bauch. (Letzteres hätte Oliver Kahn, der Torwart, wahrscheinlich etwas anders formuliert.) Wenn Klaus Graf spielt, schwingt in jedem Ton seine Persönlichkeit mit: das, was er in seinem prall gefüllten Leben als Jazzmusiker, Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund, Kollege, Hochschullehrer, als Segler und Spaziergänger, als Leser und Hörer erlebt und gelernt hat, was er daheim an Liebe und im Beruf an Anerkennung erfährt, was ihn antreibt, was ihm Sorgen macht, was ihn empört und erregt. Klaus Graf weiß, wenn er spielt, ganz genau, was er tut. Er beherrscht sein Instrument meisterhaft. Die Improvisationsmöglichkeiten des Jazz erlauben es ihm aber auch zugleich, ganz im Moment des Spielens aufzugehen, sie erlauben es ihm, spontan zu sein. Darum beneiden ihn die Musiker der klassischen Musik, in der alles festgeschrieben, notiert ist.
Als Trainer von großen und kleinen Klangkörpern, als Bigband-Musiker im Smoking, als Sideman in T-Shirt und Jeans oder Band-Leader einer kleinen Combo, gelingt es ihm spielend, sich in ein Orchester einzugliedern, um mit den anderen ein heißes Klangbad zu nehmen. Es gelingt ihm auch, aus ganz verschiedenen Typen ein geschmeidiges Ganzes zu machen. Dazu bedarf es Kompetenz, Einfühlungsvermögen und pädagogischer Begabung. Klaus Graf hat diese Qualität. Auf ganz unterschiedlichen Ebenen zeigt sich das: von der Grund- bis zur Hochschule, vom Workshop mit bemühten Amateuren bis zum professionellen Jazzorchester.
„Im nächsten Leben“, so erklärt Klaus Graf seine Affinität zur lateinamerikanischen Musik, der er mit der messerscharfen Formation Salsafuerte huldigt, „im nächsten Leben komm ich als Musiker auf Kuba zur Welt.“ „Numero uno“, nennen ihn in diesem Leben schon die kubanischen Musiker, die jeden Mittwoch im Stuttgarter Cortijo auftreten und Klaus Graf mit seinem Horn immer wieder auf die Bühne bitten. Sie wissen: Mit seinen tauchsiederheißen Saxophonsolos heizt er ein, bis es in der Kneipe brodelt. Auch in Clubs wie der Kiste und dem Bix in Stuttgart. In der Nachfolge von Phil Woods und Cannonball Adderley hat Klaus Graf eine eigene unverwechselbare Saxophonstimme entwickelt. Diese Stimme findet in den Jazzclubs dieser Republik und weit darüber hinaus Anerkennung und Bewunderung.
Humor ist eine andere Eigenschaft, die Klaus Graf auszeichnet. Sein Witz mag staubtrocken sein, verletzend ist er nie. Darin erweist sich seine Menschlichkeit. Nicht von ungefähr haben Humor, Humus und Humanität dieselbe Sprachwurzel. Mit Klaus Graf, den viele „Charles“ oder „Sir“ rufen, macht es einfach Spaß zu kommunizieren. Ohne Umschweife kommt er auf den Punkt, und stets sorgen sein Humor und sein Imitationstalent für gute Laune. Bei Live-Ansagen bringt er das Publikum zum Lächeln und Lachen. Und mit seinen Saxophon-Chorussen zum Staunen und Applaudieren. Seine Up-Tempo-Solos sind musikalische Parforce-Ritte, hochenergetische Glanzleistungen. Und beim Balladenspiel kommt die empfindsame Seite von Klaus Graf zum Vorschein, seine Sinnlichkeit. Wie sagte doch mal eine Konzertbesucherin so goldig? "In einer rauen Schale steckt oft ein süßer Kerl."
Dass diesem Kerl, diesem inspirierten Musiker, dem fröhlichen Musikanten und Komponisten, dem kompetenten Lehrer, dem beliebten Kollegen heute der Kulturpreis der SPD Ditzingen verliehen wird, freut alle, die ihn kennen. Besonders die Jazzfreunde- so wie ich. Einen besseren Kulturbotschafter dieser lebendigen und spannenden Musik kann man sich kaum wünschen. Ditzingen darf stolz sein auf Klaus Graf. Meine Damen und Herren, vielen Dank!
~ Thomas Staiber
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