Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Mehldau Solo 28.10.2010)

Brad Mehldau, Piano Solo, Mercedes-Benz-Museum, 28. 10. 2010, 320 Besucher
Wenn Brad Mehldau Klavier spielt, atmet sein Jazz meist den Geist der deutschen Romantik. Im frischen Fluss der Improvisation perlen Melodien wie Sehnsuchtsmotive auf, denen die Trauer anzuhören ist, dass das Glück nicht leicht zu fassen ist. Mehldaus Hände bewegen sich auf den 88 Tasten von Ebenholz und Elfenbein wie zwei junge Hunde, die auf einer Wiese spielen. Ganz leicht und völlig unabhängig voneinander. Der hoch kultivierte Nordamerikaner bevorzugt einen schlanken Ton und geht mit dem Pedal zurückhaltend um. Die Wege seiner Jazzimprovisation sind mitunter steinig und verschlungen, auch wenn an den Rändern Blumen stehen. Mehldau macht die Widerstände des musikalischen Materials zum Thema seines Spiels. Doch scheint ihm stets der Sinn nach Erfüllung, nach Schönheit zu stehen, ohne je die süßen Ränder des Kitsches zu berühren. Billige Harmonien sind Mehldaus Sache nicht. Wenn er so meisterhaft und virtuos improvisiert, verschwimmen die Grenzen zwischen den Gattungen. Egal, was Mehldau spielt, alles klingt nach Mehldau. Einmal meint man Schubert zu hören, doch dann taucht plötzlich ein Nirwana-Song auf (“Smells Like Teen Spirit“) oder ein Lied von Tom Waits („Martha“), denn der 40-jährige Jazzpianist lebt in der Gegenwart und nicht in einem nostalgisch verklärten Ja-Damals. Mit Eigenkompositionen, mit gefühlvollen Balladen und Up-Tempo-Nummern fasziniert und berührt er die gut dreihundert Konzertbesucher. Die staunen, mit welcher pianistischen Leichtigkeit, wie durchdacht, beseelt und elegant die Spannungsbögen aufgebaut sind, wie der musikalische Kern herausgeschält wird, wie die melodischen Schönheiten strahlen. Sehr hübsch gerät auch eine Exkursion in die Vergangenheit des Jazz: Mehldau interpretiert „Lady Be Good“, eine alte Gershwin-Nummer. Die Linke hüpft dabei behend zwischen Basston und Akkord hin und her, während die Rechte ausgelassen das Thema umspielt. Den Fluss der Töne bricht Mehldau immer wieder mit überraschenden Tempowechseln auf. So entstehen winzige Stockungen und wilde Gegenläufigkeiten, aus denen ab und zu das Thema aufleuchtet. Wie eine Blüte, die ein Gebirgsbach mitgerissen hat. Auch bei diesem rasanten Stride-Stück verbinden sich hohe Ideendichte und schwereloses Spiel, in das sich dieser nachdenkliche Melancholiker und Glückssucher versenkt: Brad Mehldau, dieser wunderbare Musiker. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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