Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Marsalis, W + Gaebel, Tom 07)

Wynton Marsalis + Jazz At Lincoln Orchestra, 8. 7. 2007 Pariser Platz
Der Himmel über dem Pariser Platz - von der mächtigen und kühlen Architektur der Banken umstellt - hat geweint. Das Jazzherz aber hat gelacht. Denn: Wynton Marsalis war in der Stadt. Einen besseren Beweis, weshalb das Festival das Wort „Jazz“ im Namen trägt, wird es kaum geben.
Man ist geneigt, die Initialen des 46-jährigen Trompeters und Bigband-Leiters aus New York als Weltmeisterkürzel zu deuten. Die 1300 Menschen, die unter den am Eingang verteilten Plastikanoraks dem immer wieder einsetzenden Regen trotzten, hat er auf eine faszinierende Zeitreise durch die Geschichte des Jazz mitgenommen. Er hat sie mitgerissen, weil er ihren Intellekt, ihr Herz und ihren Körper mit seiner Musik ansprechen konnte.
Zuerst spielt Marsalis, der einer berühmten Musikerfamilie aus New Orleans entstammt, in kleiner Besetzung einen Blues, während die Mitglieder seines Jazz At Lincoln Orchestra unter dem Beifall des Publikums auf die Bühne kommen, und gibt damit die Richtung vor: Ohne den Blues wäre alles nichts.
Duke Ellington, das große Vorbild, ist der erste Markstein. Die Band trifft bei „Happy Go Lucky“ und beim berühmten „Take The A-Train“ die richtige Stimmung. Vergangene Ellington-Zeiten scheinen auf, aber sie werden nicht ins goldene Licht der Verklärung getaucht. Man spürt: Das ist beseelte Musik, die uns noch heute berühren kann, weil darin Leid und die Sehnsucht nach Glück aufgehoben ist. Einem Glück, das in dieser harmonisch swingenden Musik Gestalt annehmen kann. So wird es ein europäisches Publikum empfinden. Wie viel stärker muss das Gefühl afroamerikanische Rezipienten sein, aus deren leidvoller Geschichte heraus dieser Jazz entstanden ist!
Marsalis, der auch Weiße in seine Band aufgenommen hat, zeigt sich dabei als hochvirtuoser Trompeter, der eine Synthese von Armstrongs Brillanz und Miles Davis’ verschleierten Weltallklängen zustande bringt. Wie Gillespie kann er atemberaubende Tempi anschlagen, von Lee Morgan hat er die Zungenschnalzer, von Clifford Brown den kupfernen Ton und eine verführerische Melodieführung. Und dennoch ist er unverwechselbar.
Ganz bescheiden reiht er sich, nachdem die Photographen ihre Bilder im Kasten haben, bei den Blechbläsern ein. Seine Chorusse bläst er im Sitzen. Es scheint, als habe sein Jazzorchester gar keinen Dirigenten mehr nötig. Es ist ein atmender Klangkörper, egal welche Jazznummer zu Gehör gebracht wird. Alles scheint der Lincoln Center Bigband auf den Leib geschrieben worden zu sein.
John Coltrane mit seinem „Sleeper“ und „Harmonique“ ist die nächste Station. Und obwohl die Klanglandschaften nun schroffer werden, die Bläsersätze scharf konturiert wie Felsformationen, die Saxophone nicht mehr seufzen und schmachten und der Rhythmusvertrackter wird, geht das Stuttgarter Jazzpublikum mit und applaudiert begeistert jedes Solo, jede Nummer. Die Band spielt selbst freie Stücke (Ornette Coleman) wie aus einem Guss, das Jazzorchester läuft rund wie ein Achtzylinder. Leise schnurrend bei Balladen wie „Peace“ von Horace Silver, bei denen die Trompetentöne sich in den Nachthimmel emporschwingen und sanft verhallen.
Zuvor hatte Tom Gaebel das Jazzopen-Festival eröffnet. Obwohl der smarte 32-Jährige zweifellos über Feeling und eine sonore Singstimme verfügt, die von Ferne an Sinatra erinnert, und über eine ordentlich funktionierende Bigband, ging er mit seinen pseudoironischen Selbstbeweihräucherungen manchem Besucher gehörig auf den Geist, vor allem wenn er vor kurzer Zeit im Theaterhaus die exakt gleichen Sprüche schon einmal zur Kenntnis nehmen durfte. Swing als Klamauk – da hatte der Himmel ein Einsehen und schickte einen Platzregen. während Herr Gaebel „Sunny“ intonierte.
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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