Artikel geschrieben am: 19.11.09
Der wohl wichtigste europäische Jazzmusiker seit Django Reinhardt will gar keiner sein. Der norwegische Saxophonist Jan Garbarek lehnt die Bezeichnung „Jazz“ für seine Musik ab, weil der sich nur noch marginal verändere, eigentlich perspektivlos sei. Immerhin hat der 62-jährige Holzbläser achthundert Besucher ins Ludwigsburger Forum gelockt, darunter zahlreiche Jazzfreunde. Neugierig erwarten sie die neu formierte Jan Garbarek Group. Eberhard Weber, der wunderbare Bassist und enge Freund Garbareks, musste nach einem Schlaganfall vor zweieinhalb Jahren durch den Brasilianer Yuri Daniel, einen E-Bassisten, ersetzt werden. Und für die irrlichternde Marylin Masur aus Dänemark sitzt der indische Perkussionist und Sänger Trilok Gurtu am Drum Set. Vor großflächigen, straff gespannten Segelbahnen, die im Verlauf des immer ekstatisch werdenden Konzerts hellgrün, orangefarben oder purpurrot beleuchtet werden, agiert das Quartett wie aus einem Guss. Der groß gewachsene Jan Garbarek, in dessen Händen das gebogene Sopransaxophon aussieht wie ein Spielzeuginstrument, intoniert eine kleine kindlich anmutende Melodie, die Rainer Brüninghaus, der langjährige Pianist der Gruppe, aufnimmt und virtuos harmonisch auffächert. Der E-Bass fällt mit warmen tiefen Tönen ein, das Schlagzeug inszeniert mit angenehm dröhnender Bass-Drum, gedämpften Conga-Schlägen und raschelnden Beckenklängen einen treibenden Rhythmus, der träge fließt wie ein breiter Fluss. Garbarek, ganz in sich gekehrt, improvisiert mit geschlossenen Augen. In seiner gefühlsbetonten Musik finden die Menschen sich wieder. Es ist, als könne er musikalisch ausdrücken, was Worte kaum schaffen. Diese Musik atmet, sie hat einen Puls, sie ist lebendig. Da Garbarek auf Mätzchen und Anbiederungen völlig verzichtet, wirkt er authentisch und seine Musik glaubwürdig.
Yuri Daniel, der in Portugal lebende Bassist, bringt mit temperamentvollen tänzerischen Kompositionen aus seiner südamerikanischen Heimat Schwung in die Bude. Das befeuert den melancholisch angehauchten Bandleader, und er blüht richtig auf. Unter weit geschwungenen Spannungsbögen toben sich alle vier Bandmitglieder solistisch aus. Trilok Gurtu etwa entführt das Publikum mit seiner polyrhthmischen Perkussion in einen tropischen Urwald mit Vogelgezwitscher, plätscherndem Wasser und höchst zungenfertigem Scat-Gesang. Tosender Beifall für die Schönheit der Musik, die Widerständen nicht ausweicht, sondern überwindet. Mit Kitsch hat das nicht das Geringste zu tun. Garbarek öffnet am Ende die Augen, verbeugt sich artig und lächelt ein bisschen.
~ Thomas Staiber
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