Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: mariano trio)

Charlie Mariano (Altsaxophon), Daniel Humair (Schlagzeug), Alfred Haurand (Kontrabass) 17.03.2002 Laboratorium
Als Kind wünschte man sich einen Großvater wie Charlie Mariano: einen, der lieb ist, der was zu erzählen hat, weil er weit gereist ist.
Italienischen Belcanto hat er schon im Bauch der Mama vernommen, in seiner Heimatstadt Boston kam dann für ihn – entscheidend - der Jazz dazu und bald galt Charles Hugo, den alle „Charlie“ riefen, als der beste Altsaxophonist weit und breit. Charlie Parker, Charles Mingus und Dizzy Gillespie haben mit ihm gejammt, später hat Mariano in Japan gelebt, in Malaysia, Indien, war neugierig auf neue musikalische Einflüsse, hat gestaunt und gelernt, auf fremden Instrumenten zu spielen. Er kam nach Europa, hat Bebop, modalen und ethnischen Jazz und Jazz-Rock gemacht und ist weiter um die Welt gereist. Überall beliebt als warmherziger Mensch und anerkannt als heißblütiger Altsaxophonist.
Im voll besetzten Laboratorium trat Mariano im Trio auf. Nahezu in Idealbesetzung (wir hätten uns einen anderen Bassisten gewünscht): Mit Ali Haurand (Kontrabass), dessen Spektrum von amerikanischem Mainstream bis zu europäischer Avantgarde reicht, und Daniel Humair, der Schlagzeug spielende Maler aus Paris, ein (in Genf) geborener Virtuose mit unorthodoxer Technik, komplexem Spielaufbau und natürlichem Swing.
Zusammen sind diese drei Herren zweihundert Jahre alt, aber Vorsicht: wer glaubt, der Jazz käme da betulich und müde daher, liegt völlig daneben. Natürlich: die Haltung ist meisterlich-gelassen, aber die Energie, die sich besonders im Solo manifestiert, ist hoch. Feurig und heiß klagt, flüstert und schreit Marianos Saxophon, nachhaltig und mit warmen vollen Holzklang treibt Haurands Bass seine Blüten, während der Drummer, übrigens gelernter Klarinettist und Alphornbläser, mit Raffinesse und asymmetrischen Akzenten Spannungsmomente aufbaut. Sehr stark, dieser Rhythmusmann, auch wenn das bereit gestellte Schlagzeug seinem Anspruch nicht genügen konnte.
Das Programm, durch das der Deutsche im Trio mit eher sauertöpfischen, galligen Ansagen führte, war trotz aller orientalischer und fernöstlicher Erfahrungen Marianos – von einer südindischen Ausnahme abgesehen – ganz dem modernen Jazz gewidmet. Es reichte von Marianos hübschem „Plum Island“ bis zu Haurands scharfem mexikanischen „Pulque“, vom Jazz-Standard „My Foolish Heart“ bis zu Ornette Colemans wildem „Round Trip“. Die intensivsten Momente entwickelten sich dann, wenn das Trio dicht beieinander war.
Und das LAB-Publikum reagierte sensibel: bei intimen bluesgetränkten Balladen kein Applaus nach den Soli, während der bei heißen Up-Tempo-Nummern immer wieder begeistert aufbrandete und die musikalischen Gelenkstellen markierte. So ging mit „Goodbye Pork Pie Hat“ von Mingus ein hörenswertes Konzert in bester Club-Stimmung zu Ende.
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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