Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Mariano gestorben)

Charlie Mariano am 16. Juni 2009 gestorben

Gestern Morgen gegen elf Uhr ist der Jazzmusiker Charlie Mariano in einem Kölner Hospiz mit 85 Jahren einem Krebsleiden erlegen. In den letzten Tagen erschöpfte sich vollends seine Lebenskraft, und er durfte im Beisein seiner Frau Dorothee friedlich einschlafen. „Sein Tod, so traurig er uns macht, hat auch etwas Tröstliches“, sagt Werner Schretzmeier, der Chef des Theaterhauses, wo Mariano seit 1984 viele Male aufgetreten ist. „Charlie hat seine Krankheit angenommen, hat jahrelang damit gelebt und weiter Musik gemacht, solange es ihm möglich war. Das Sterben hat er schließlich auch akzeptiert und es nicht künstlich verlängern lassen. Mit seiner warmherzigen und intensiven Art zu leben war er uns ein Vorbild, im Sterben ist er es geblieben.“
Das letzte Konzert, das Charlie Mariano gegeben hat, fand am 21. November letzten Jahres zur Feier seines 85. Geburtstages im Theaterhaus statt. In der Konzertbesprechung der Stuttgarter Nachrichten hieß es: „Die elf Freunde, die mit ihm musizieren, begegnen ihm mit Respekt und Zuneigung. Zugleich ist Wehmut, ein Hauch von Abschied zu spüren. So war dieser Konzertabend wie die Summe eines Lebens für den Jazz, wie ein Rückblick auf die zahlreichen musikalischen Facetten des Carmine Ugo Mariano, den alle Charlie rufen.“
Nach dem Konzert habe ich Charlie und Dorothee Mariano mit dem Auto zum Hotel begleitet. Als wir ausgestiegen waren, blickte mir Charlie für einen intensiven Moment in die Augen und umarmte mich schweigend, dann wandte er sich seiner Frau zu, die den Saxophonkoffer in der Hand hielt und betrat mit ihr das Hotel. Ich spürte ganz deutlich, dass das ein Abschied für immer war. So war es seine Art: ohne große Worte, menschliche Wärme auszustrahlend. Ich spürte, diesen wunderbaren Musiker und Menschen werde ich wohl nie mehr sehen.
Erlebt hatte ich ihn immer wieder. Ich habe gesehen, wie seine Augen unter den lustigen buschigen Brauen geleuchtet haben, wenn ihm eine Musik gefiel, ich habe ihn nach langen Konzertauftritten auch erschöpft gesehen. Vor allem aber habe ich ihn gehört. Wenn Charlie Mariano mit seinem Altsaxophon zum Höhenflug ansetzte, dann klang das so eindringlich, so melodiös wie die menschliche Stimme. Und doch konnte er mit dem Saxophon soviel mehr ausdrücken als mit Worten. Musik und Liebe - so habe ich seine Botschaft verstanden, als er von der Krebskrankheit geschwächt war, aber auch früher, als er mitten im Leben stand - Musik und Liebe sind die Kräfte, die sich über Schwierigkeiten erheben, Musik und Liebe sind Erfüllung und Trost.
Dabei ist Mariano den Widerständen des musikalischen Materials nie ausgewichen. Er hat das Raue als Schrei vorgeführt, bevor er zur Schönheit kam, bei der das Saxophon zu singen schien. Im modernen Jazz hat Mariano dafür das ideale Medium gefunden. Doch auch von der Intensität ethnischer Musiken hat sich der Vielgereiste gerne inspirieren lassen. Schon seit den 1940-er Jahren war Mariano auf der Höhe der stilistischen Entwicklung des Jazz: vom Swing mit Lester Young zum Bebop mit Charlie Parker, vom modalen Jazz mit Charles Mingus zum Jazz-Rock mit Wolfgang Dauner und dem „United“. In Amerika, in Fernost, in Indien und besonders in Europa haben seine Saxophonstimme und seine Improvisation für Furore gesorgt, und immer hat Charlie Mariano mit seinem Spiel die Herzen der Menschen berührt. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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