Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Mariano 85 - Konzertabend 2008)
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Charlie Mariano feiert seinen 85. Geburtstag – ein Konzertabend mit Freunden im Theaterhaus
Am Freitagabend feierte Charlie Mariano seinen 85. Geburtstag im Theaterhaus, auf dessen Bühne er seit 1984 so oft aufgetreten ist. In verschiedenen Jazzformationen faszinierte der in Köln lebende Italoamerikaner die tausend Menschen im Großen Saal mit der ungebrochenen Intensität und der von tief innen leuchtenden Schönheit seines Saxophonspiels, dem das hohe Alter und eine böse Krankheit an diesem denkwürdigen Abend kaum etwas anhaben konnten. Die elf Freunde, die mit ihm musizieren, begegnen ihm mit Respekt und Zuneigung. Sie achten ihn, weil er ein Jazzmusiker ist, der aus dem Vollen der Jazzgeschichte schöpft und keine Berührungsängste kennt, und sie lieben ihn wegen seiner Warmherzigkeit, seiner heiteren Gelassenheit. Zugleich ist eine Wehmut, ein Hauch von Abschied zu spüren, denn niemand weiß, ob Mariano wiederkommen kann, wie lange er noch leben wird. So war dieser Abend auch wie die Summe eines Lebens für den Jazz, wie ein Rückblick auf zahlreiche musikalische Facetten des Carmine Ugo Mariano, den alle Charlie rufen. Die Reise beginnt mit dem Argentinier Quique Sinesi und seiner siebensaitigen spanischen Gitarre, der mit Mariano im Duo improvisierte. Sie führt weiter mit Paul Shigihara, einem Kölner Saitenkünstler, und mit Marianos langjährigem Kollegen Ack van Rooyen, der mit warmen geschmeidigen Flügelhornklängen den Raum füllt. Strahlend bedankt sich der Jubilar und setzt mit seinem Altsaxophon zum Höhenflug an: eindringlich, melodiös und unverwechselbar wie eine menschliche Stimme. Zur Entlastung des 85-Jährigen, der es vorzieht im Sitzen zu spielen, bläst Bobby Stern (übrigens der Bruder von Jennifer Rush) das Tenorsaxophon - ganz im Geist seines großen Vorbilds. "Yeah, Bobby", lobt ihn Mariano, der es ansonsten verschmäht, zu den Menschen zu sprechen. Sein Saxophon sagt so viel mehr als Worte. Musik und Liebe, heißt die Botschaft, können sich über Schwierigkeiten erheben und Trost bieten. Sagen würde Mariano das nie, aber er spielt es mit jedem Ton. Eine der besten europäischen Rhythmusgruppen bringt Schwung in die Bude. Kontrabassist Dieter Ilg und Schlagzeuger Wolfgang Haffner, beide bewährte Mariano-Partner, treiben den Rhythmus an wie ein großes Mühlrad. Darüber lässt sich natürlich wunderbar improvisieren. Bei "Lazy Day" schaukeln die Menschen auf ihren Stühlen und nicken. Inzwischen haben der wunderbare belgische Saitenkünstler Philip Catherine und der stets lustig aufgelegte holländische Jazzpianist Jasper van't Hof die Szene betreten und spielen "Sleep My Love", eine alte Pork-Pie-Nummer, bei der Mariano melancholisch soliert. Dann werden die Klangfarben neu gemischt, und das Altsaxophon steigt arabische Skalen hinauf, während Chaouki Smahi mit seiner Laute, der Oud, ein Freundschaftslied intoniert. Endlich greift Wolfgang Dauner, unser Local Hero, ins Geschehen ein und in die 88 Tasten des schwarzen Flügels. "Drachenburg" und "Plum Island" spielt er mit seinem alten Freund und Kollegen Charlie. An Sogwirkung und Schönheit haben diese Zugnummern des United Jazz & Rock Ensemble kein bisschen eingebüßt. Alle zwölf Musiker improvisieren schließlich über "Bangalore", eine sich ekstatisch steigernde Komposition. Mariano schließt die Lider unter seinen buschigen Augenbrauen. Sein Konzertabend ist vorüber. Er lächelt, während alles aufsteht und begeistert applaudiert. Mit dem langsamen Walzer "Randy" als Zugabe kehrt am Ende Ruhe und Besinnlichkeit ins Theaterhaus ein. Manche weinen. "Tears Of Sound" hat einmal der große Charles Mingus das Saxophonspiel von Charlie Mariano genannt. Werner Schretzmeier überreicht herbstliche Blumen. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber