Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Marc Ribot StN)

Marc Ribot & Friends: Caged Funk, 8.7.2010, Ludwigsburger Schlossfestspiele, Louis-Bührer-Saal
Der harte schnelle Funk-Rhythmus, den IT Lewis am Schlagzeug vor sich hertreibt - unterlegt von Brad Jones’ heftig pumpenden E-Bass, durchblendet von den schwebenden Keyboard-Klängen des Funk-Pioniers Bernie Worell – füllt laut und mächtig den Saal. Diese brodelnde schwarze Musik aus dem Großstadtkessel New York durchkreuzen zwei Avantgarde-Gitarristen mit elektrisch verstärkten und verzerrten Klängen, die wie kreischende Kreissägen in die Gehörgänge dringen. Der eine Protagonist ist Marco Capelli, ein New-Jazz-Mann, der als Mitglied im "Ensemble Dissonanzen" einschlägige Erfahrungen macht, und Marc Ribot, der 56-jährige Saitenkünstler und Chef des Projekts Caged Funk. Unwillkürlich stellt man sich Cage, den Papst der Neuen Musik, in einem Käfig vor, wie ihn Francis Bacon gemalt hat. Ob John Cage, der vor 18 Jahren gestorben ist, seine Sonata For Two Voices von 1933 wieder erkannt hätte? Die beiden elektrischen Gitarren schneiden zischende Leuchtspuren in den Raum. Für Klangskulpturen hatte Cage tatsächlich etwas übrig, ansonsten wusste er mit Jazz und erst recht nicht mit Funk oder Pop etwas anzufangen. Dabei befand er sich mit seinem aleatorischen Verfahren, bei dem Geräusche und Klänge in beliebiger Reihenfolge gespielt werden, durchaus in struktureller Nähe zu Free Jazzern wie Albert Ayler oder Ornette Coleman.
Schlagartig besänftigt sich der heftige Funk-Rhythmus, das Klanggewitter hat sich verzogen, nur ein schwach rauschendes Pulsieren dringt aus den Lautsprechern. Daraus steigen wie aus einem blubbernden Geysir Klangblasen auf, die mit Wah-Wah-Pedalen und viel Hall inszeniert werden. DJ Logic steht nickend hinter seinem Pult, verdichtet scratchend den Rhythmus und multipliziert ihn, bis er wieder dröhnt. Im Rückkopplungsgewitter irrlichtern die beiden elektrischen Gitarren. Aus ihrem Experimentierfeld fallen Ribot und seine Kollegen zurück in die Stille. Die dauert nicht 4:33, wie die berühmte Klavierdeckelkomposition von Cage, denn eine kleine Melodie auf der akustischen Gitarre blüht auf: The Harmony Of Maine. Mucksmäuschenstill lauscht das Publikum. Vor Entsetzen fröstelnde Puristen sind in diesem „Theater der Töne“ nicht auszumachen, und auch die anschließende von Intendant Thomas Wördehoff souverän geleitete Podiumsdiskussion verläuft erstaunlich harmonisch. Ribot und Capelli erläutern ihre Vorgehensweisen beim Aufeinandertreffen von schwarzem Funk und weißer Avantgarde (der Partitur folgen, rhythmisch verändern, Loops einbauen), sie definieren ihren Begriff der Werktreue und unterscheiden gesetzliche, ethische und ästhetische Kategorien. Dann betonen sie die Bedeutung der Freiheit bei jeder Interpretation musikalischer Werke. Damit treffen sie bei Christina Pluhar, der Lautenspielerin und Expertin für Alte Musik, auf offene Ohren. Lachend schränkt sie ein, dass für sie ein neuer fremder Musikstil beim Interpretieren des alten Notentextes allerdings nicht möglich sei. Komponist und Jazzposaunist Christian Muthspiel und der junge Chefdirigent der Ludwigsburger Schlossfestspiele sind sich einig: Die Kompositionen müssen mit Leben erfüllt werden, um sinnlich zu sein. Und Ribot bemerkt, dass John Cage dieses Konzert wohl nicht gemocht, aber doch akzeptiert haben könnte. Thomas Staiber


~ Thomas Staiber

Deko Füller
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