Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Mahlerlieder Franui 10.6.2010 LB)
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Schlossfestspiele Ludwigsburg
Ordenssaal, Residenzschloss, 10.6.2010
Uraufführung:
Mahlerlieder: „Liederabend mit Erinnerungen an die Ewigkeit samt unverhofftem Eintreffen des Sängers“
Franui | Daniel Schmutzhard (Bariton)
Die Osttiroler Musicbanda, die sich nach einer Almwiese den schönen ladinischen Namen Franui gegeben hat, spielt Lieder von Gustav Mahler. Der hatte in seinem Komponierhäuserl ganz in der Nähe das „Lied von der Erde“ geschrieben und seine letzte, die 9. Symphonie. Die Trompeten, die Posaune, die Tuba, die Holzblasinstrumente, die Geige, die Harfe, der Kontrabass, die Harfe und das Hackbrett klingen bei den ausgezeichneten Franui-Musikern wunderbar melodisch, sie schaukeln zusammen im Dreivierteltakt, doch plötzlich tönen sie sperrig und schräg. In der Art von Trauermärschen, wie man sie bei Beerdigungen hören kann.
Doch während bei Mahler die Angst vor dem Sterben neurotisch besessen in musikalische Raserei, in ein Geschrei des Entsetzens mündet, klingen die zwei Frauen und die acht Männer von Franui im Angesicht des Todes eigentümlich tröstlich. Eine von Moll-Klängen überdeckte Heiterkeit sagt uns: Es geht weiter. Das vielschichtige Musizieren von Franui, arrangiert von Markus Kraler und Andreas Schett, hat eine Form, die fest in musikantischen Volkstraditionen wurzelt. Bei Mahler dagegen, dem glühenden Anhänger der Musik Wagners, lösen sich musikalische Formen auf. Es gibt Passagen, in denen nicht einmal mehr eine Tonart zu erkennen ist. Nach Höllenfahrten kann es für Mahler keinen Trost mehr geben. „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ Damit nimmt seine Musik visionär die Schrecken des 20. Jahrhunderts vorweg. Immer aber auch sucht seine gequälte Seele, die er übrigens von Sigmund Freud analysieren ließ, Zuflucht zum Schmerzhaft-Schönen, zu zarter märchenhafter Romantik, zu einer Melodienseligkeit im Walzertakt, als wolle er musikalisch in eine idealisierte Kindheit zurückkehren. Ein Traum, der aber immer nur ganz kurz währen darf, denn „das Schöne wird zermahlen in der Mühle des Entsetzens“. Mit dem Wiener Bariton Daniel Schmutzhard, der bei den letzten vier der sechzehn Kunstlieder des Konzertabends seine kraftvolle Stimme erschallen lässt, werden durch Franui Mahlers schöne Träume Wirklichkeit, ohne aufgelöst oder zertrümmert zu werden: „Ich atmet’ einen linden Duft.“ (Rückert-Lieder), "Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald" (Wunderhorn-Lieder). Dabei kann das Tentett wie ein wildes Zirkusorchester spielen, mal wie eine zünftige Blaskapelle aus Osttirol, dann wie Wiener Salonmusiker mit viel Herz und Schmelz.
Wie hätte Gustav Mahler, der sich als Sohn eines jüdischen Schnapsbrenners aus Böhmen stets heimatlos gefühlt hatte, diese reizvolle Interpretation seiner Lieder wohl aufgenommen? Himmelhoch jauchzend? Zu Tode betrübt? Im Ordenssaal des Ludwigsburger Residenzschlosses gab es am Ende nur eine Haltung: strahlende Gesichter, Beifall und viele Bravo-Rufe. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber