Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Leucocyte Kritik)


Es ist beinahe, als hätte es in der Luft gelegen. Als wäre es jetzt, genau jetzt so wichtig gewesen, diese Aufnahme zu machen. Gespenstisch, denn Leucocyte transportiert zum ersten mal, was bisher nicht wirklich gelang: eine reelle Ahnung dessen, wer E.S.T. im echten Erleben war. Es ist ein Album voller Geist, ein festgehaltener Augenblick der Seele. Die Töne auf Leucocyteteilen sich direkt mit, dringen in jede Zelle ein, so, wie es bei E.S.T-live-Konzerten der Fall war, wenn man dabei war. Wir werden Esbjörn Svensson, der am 14.6.2008 bei einem Tauchunfall in der Nähe Stockholms tödlich verunglückt ist, nie mehr live erleben. Es ist eine menschliche Tragödie, und ein schrecklicher Verlust für den Jazz. Aber mit Leucocyte ist ein solch persönliches, ein so intimes Denkmal des herausragenden schwedischen Pianisten entstanden, der nur 44 Jahre alt geworden ist. Es ist ein trostspendendes Vermächtnis, und wohl zugleich das stärkste Album von E.S.T.: jeder Anschlag eine Erfahrung; jeder Atemzug eine Berührung. Klarheit ist in jedem Impuls, der kraftvolle Energiestrom des Trios ist überwältigend, berauschend.
Leucocyte, der Titel bezieht sich auf die weißen Blutkörperchen, die sich im menschlichen Körper immer und immer wieder reproduzieren. Auch E.S.T. erfanden sich selbst immer wieder auf’s neue, am intensivsten vielleicht bei ihren rein improvisierten Jamsessions, die sie gerne, wenn sie auf Tour waren, in angemieteten Studios abhielten. Leucocyteist das Ergebnis einer dieser intuitiven Studio-Phasen, mitgeschnitten während einer Tournee in Australien, fertiggestellt einen Monat bevor Esbjörn Svensson verunglückte. Die drei Freunde, die mit ihrem einzigartigen, Motiv- und melodiebetonten Stil das Klaviertrio noch einmal revolutionierten, die zuletzt das erfolgreichste Jazzensemble Europas waren, sie zeigen uns hier die Kunst der kollektiven Improvisation in ihrer Vollendung.
Das Material auf Leucocyteist besonders neuartig für E.S.T-Aufnahmen; bissiger als sonst, überschäumend, ausgeflippt, noch experimenteller spielen sie. Es muss eine erstaunliche Konzentration in der Luft gelegen haben, als Dan Berglund (bass), Magnus Öström (Schlagzeug) und Esbjörn Svensson (Klavier) diese gewaltigen Improvisationen aufzeichneten. Momente der Überschwemmung, von apokalyptischer Unaufhaltsamkeit, einer musikalischen Präsenz, die alles umwalzt, versetzen den Hörer in einen Raum aus fantastischem, ästhetischem Klang, nehmen ihn mit in akustische Druckwellen, die sich Vulkanartig ausbreiten und ruhig verebben; dann wabern sie weiter, wie ein großer Atem, wie ein Stück (ewiges) Leben; wie ein Hauch von Unendlichkeit. --Katharina Lohmann
e.s.t. Leucocyte
Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, verteidigen als Zellen des Immunsystems den Körper gegen fremde Erreger und Infekte. Von Zeit zu Zeit müssen sie sich erneuern, um ihre lebensrettende Arbeit fortsetzen zu können. Für e.s.t. erfüllten spontane Jam-Sessions dieselbe Aufgabe, dabei kamen sie ohne komponiertes Material oder vorgefertigte Songs aus.
Die Musiker agieren frei miteinander und folgen einzig dem Fluss der Musik, den Ideen, die kommen und gehen. Diese Freiheit brauchten die Musiker von e.s.t., um neue musikalische Regionen zu erforschen. Viele Kompositionen des Trios haben sich in der Vergangenheit aus eben dieser Art der Improvisation entwickelt.
Leucocyte veranschaulicht die Herangehensweise der drei Musiker Esbjörn Svensson (p), Magnus Öström (dr) und Dan Berglund (b), ohne kompositorisches Netz und stilistische Einschränkungen zu kommunizieren.
Die Aufnahmen für Leucocyte fanden während der Australien-Tour der Band im Januar 2007 statt. In den berühmten Studios 301 im Zentrum von Sydney ließen die Musiker ihren Ideen freien Lauf. Die Essenz dieser Entdeckungsreise ist Leucocyte , rauschhafte Energie in einem Trip durch die Blutbahnen.
Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, verteidigen als Zellen des Immunsystems den Körper gegen fremde Erreger und Infekte. Von Zeit zu Zeit müssen sie sich erneuern, um ihre lebensrettende Arbeit fortsetzen zu können. Für e. s.t. erfüllen spontane Jamsessions dieselbe Aufgabe. Solche Jams kommen ohne komponiertes Material oder vorgefertigte Songs aus. Ihre Essenz liegt darin, dass die Musiker frei miteinander agieren und einzig dem Fluss der Musik folgen, den Ideen, die kommen und gehen. Diese völlige Freiheit der Improvisation brauchen die Musiker von e. s.t. immer wieder, um neue musikalische Regionen zu erforschen und die Grenzen ihrer Kommunikation zu erweitern. Viele e. s.t.-Hits haben sich in der Vergangenheit aus eben dieser Art der Improvisation entwickelt, bevor sie sich später zu Kompositionen verfestigten. Leucocyte, das jüngste e. s.t.-Album, veranschaulicht eindrucksvoll diese einzigartige Fähigkeit der drei Musiker, ohne kompositorisches Netz und stilistische Einschränkungen zu kommunizieren – eines der Markenzeichen von e. s.t. Aus dem unmittelbaren Zusammenspiel von Esbjörn Svensson am Klavier, Dan Berglund am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug entstehen musikalische Ideen, die weiterentwickelt und zu neuen Horizonten getragen werden. Die drei spielen mit einem unglaublichen Gespür dafür, wohin die Musik sie führt, und sie hören und reagieren aufeinander, wie es nur ein Kollektiv kann, das seit mehr als 15 Jahren als Einheit arbeitet und denkt. Die Aufnahmen für dieses Album fanden während der Australien-Tour der Band im Januar 2007 statt, in den berühmten „Studios 301“ im Zentrum von Sydney. Zwei lange Tage improvisierte das Trio und spielte insgesamt neun Stunden Musik ein. Leucocyte lädt nun auf eine Reise durch das Innerste von e. s.t. ein; eine Reise, bei der man unmittelbar in den Entstehungsprozess der Musik hineingezogen und von ihrer rauschhaften Energie mitgerissen wird. Ein atemberaubender Trip durch die Blutbahnen vom Gehirn bis hinunter in die Füße und zurück ins Herz von e. s.t. – genau wie Leukozyten, die durch unseren Körper fließen.

~ Thomas Staiber

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