Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Leucocyte e.s.t. 2008)
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e.s.t.: „Leucocyte“ (CD erscheint am
1. 9. 2008)
„Decade“, eine kleine, melodiöse Klavierphantasie als Erinnerung an das Jahrzehnt, das Esbjörn Svensson ins Scheinwerferlicht und an die Weltspitze des Jazz geführt hat, ist unversehens zum Vermächtnis geworden. Der Tod, den alte Menschen vor Augen haben, der aber jüngeren im Rücken lauert, beendete das Leben des 43-jährigen Ausnahmepianisten am 14. Juni auf einen Schlag. Tragischerweise im Beisein seines halbwüchsigen Sohnes.
Decade, eine wohltuende Improvisation, dauert gut eine Minute. Man kann sich daran nicht satt hören. Viele Menschen überall auf der Welt, die Esbjörn Svensson erlebt haben, seine Musik gehört, seine Konzerte besucht haben, wird sie traurig stimmen.
Doch der Tod beendet nicht alles. Svensson und sein Trio e.s.t. haben zahlreiche Tonaufnahmen bei dem deutschen Label ACT und eine hervorragende DVD eines Live-Konzerts hinterlassen. Ihr letztes gemeinsames Projekt, das von „Decade“ eingeleitet wird, trägt den Titel „Leucocyte“. Mit dieser vierteiligen Komposition hört die CD - den Tod thematisierend und in die Unendlichkeit verweisend – auf.
Doch zunächst zeigt sich das Trio ganz dem Diesseits zugewandt und warnt vor bedenklichen Entwicklungen, die unsere Welt bedrohen. „Premonition“ versteht sich als nachdrückliche musikalische Warnung. Unter einem weit geschwungenen Spannungsbogen zeigt sich der Jazz hier von seiner stzachligen widerborstigen Seite. Dahinter jedoch leuchten latent Harmonien wie ein utopisches Versprechen: Kritik und Schönheit durchdringen sich.
Wie immer greift beim Zusammenspiel der drei Schweden eins ins andere wie Nut und Feder. So traumhaft sicher und so innig, dass man es kaum fassen kann. Jeder antizipiert jederzeit, wohin der Weg führt - ob vorbei an blühenden Wiesen oder in den Maschinenraum des Schreckens. Gewinnt das Schreckliche einmal die Oberhand, muss die Musik verstummen, aus Klängen werden Störgeräusche. Behutsam wie eine Blüte entfaltet sich dann wieder eine Melodie. Jetzt versprechen Svenssons klare Klavierklänge Trost und Geborgenheit. Der Kontrabass von Dan Berglund jault nicht mehr auf wie eine elektrische Noise-Gitarre, sondern begleitet tief und warm, und Schlagzeuger Magnus Öström reibt nicht mehr den Beckenrand, sondern streichelt mit den Besen rhythmisch die Felle. Dieses Mal verstecken sich auf der beigemischten Tonspur Gesprächsfetzen und verzerrte Geräusche. So wird die Musik bestimmt nicht zur akustischen Ausschmückung einer Idylle.
Einfach „Jazz“ heißt eine Nummer, die straight ahead alles wegfegt, was sich ihr in den Weg stellt. Der Bass marschiert, das Drum-Set knallt, beflügelt vom rasanten Klavierspiel des Chefs. Wie ein Gang in eine dunkle Höhle voller Widerhall, dem heiseren Krächzen eines Tieres und gluckernden Geräuschen mutet „Still“ an, eine spannende Hörexpedition ins Innere. Als führe der Weg hinaus auf eine helle Lichtung findet e.s.t. zum Wohlklang zurück. Die Erholung dauert aber bloß eine Minute, dann folgt das vierteilige Titelstück „Leucocyte“. Damit sind hier nicht etwa die weißen Blutkörperchen gemeint, die brav Erreger abwehren, sondern deren krankhafte Vermehrung, die zum Tod führt: Anfang, Übergang, Tod, Unendlichkeit sind die Titel der vier Sätze. Deren musikalische Umsetzung klingt so: Schrei, Stille, Mahlwerk, Kreisel.
Nie mehr –das wird einem schmerzlich bewusst, wenn „Leucocyte“, die letzte CD, aufgehört hat sich zu drehen, wird e.s.t. zusammen sein, um Musik machen zu können. Ich drücke auf Start.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber