Artikel geschrieben am: 19.04.10
„Klein ist schön“. Unter dem Motto hat Dieter Ilg, einer der besten Kontrabassisten Europas, die große Form der Oper in die Formensprache des Trio-Jazz übersetzt. 123 Jahre, nachdem Verdi nach langer Schaffenspause mit „Otello“ in der Mailänder Scala einen überwältigenden Triumph gefeiert hat, steht der 49-jährige Freiburger auf der Bühne des Theaterhauses und spielt „M’ascolta“ – „Hör mir zu!“ Unisono mit dem Pianisten Rainer Böhm spielt Ilg auf seinem Tieftöner die Melodielinie, nimmt sich zurück und begleitet mit wunderbar vollen warmen Bassklängen, während Böhm die Harmonien auffächert, Blue Notes einstreut und sie mit Dissonanzen aufraut und über dem Thema zu improvisieren beginnt. Angetrieben wird der Rhythmus von dem formidablen französischen Schlagzeuger Patrice Héral, der so abwechslungsreich trommelt, ohne je den Groove zu verlieren, dass man nur ihm zuschauen möchte. Er spielt mit Loops, und einmal singt er einen astreinen Rap. Doch der Mann des Abends steht am Bass und lässt sein Instrument für sich singen. Mit natürlicher Autorität lenkt Ilg die raffiniert arrangierten musikalischen Interaktionen. Den Opernliebhabern unter den Jazzfreunden zaubert das Klaviertrio immer wieder ein Lächeln des Wiedererkennens berühmter Melodien auf die Lippen. Mit dem Titelstück „Otello“, das dem dunkelhäutigen Helden gewidmet ist, der siegreich aus der Türkenschlacht zu seiner Desdemona zurückkehrt, erreicht das Konzert seinen dramatischen Höhepunkt. Die entsprechende Orchesterstelle für Kontrabass übte der junge Dieter Ilg an der Musikhochschule und beginnt seine Übungsstunden damit noch heute. Verdi hat den Jazzmusiker nie mehr los gelassen. Das schönste Stück des Konzerts jedoch ist ganz leise und zart. Es ist ein Abschiedslied für Ilgs großen Duopartner Charlie Mariano, der am 16. Juni 2009 gestorben ist.
~ Thomas Staiber
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