Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Landesjazzfestival ES 2007)
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Landesjazzfestival Esslingen 2007: Joo Kraus / Till Brönner
Die Esslinger Altstadt vibrierte. In mittelalterlichen Gewölbekellern, in Brauhäusern, Galerien, bei den Galgenstricken und im legendären Jazzkeller in der Webergasse pulsierte fünf Tage lang der Jazz in all seinen Spielarten. Manfred Müller vom Kulturclub in der Dieselstraße hatte Jazzer aus der Region – und da sind wir ja mit starken Musikern gesegnet - zum Landesjazzfestival eingeladen, das von Eckart Fischer bestens organisiert und geleitet wurde.
In der Freitagnacht konnte das Publikum beispielsweise vier Spitzentrompeter erleben: Herbert Joos im Jazzkeller und Thomas Siffling bei den Galgenstricken. Zuvor hatten zwei Star-Bläser für volle Bänke auf dem Hafenmarkt gesorgt, der von einer riesigen, trotzdem leicht wirkenden Zeltkonstruktion überdacht und von Imbissständen umstellt war. Joo Kraus, der zwischen Hiphop und Jazz changierende Ulmer, verstärkte das preisgekrönte Trio Tales In Tones, in dem dieses Mal Markus Bodenseh gewohnt souverän in die Saiten seines Kontrabasses griff. Kraus verlor bei längeren Ansagen gelegentlich den Faden, aber wenn dann die Musik spielte, kam Freude auf. Besonders bei der Generation um vierzig, denn die Combo spielte Songs aus ihrer Jugendzeit, den 80-er Jahren. Mit angerautem Sprechgesang intonierte Kraus das Lied vom Mann, der bei gewissen Verrichtungen am liebsten geschmeidig vorgeht. Ob Sade an dieser Version ihres Smooth Operator ihre Freude gehabt hätte? Bestimmt! Denn da waren keine Weichspüler am Werk, sondern exzellente Jazzer, die es gern auch mal etwas härter mögen. Allen voran der überragende Ralf Schmid am Klavier, der mit perlendem Tastenspiel und scharfen rhythmischen Akzenten das Quartett beflügelte. Schlagzeuger Torsten Krill hat den richtigen Punch, und dass Frontmann Joo Kraus gut Trompete spielt, weiß fast jedes Kind. Hübsch knackig: „Sledgehammer“, zum Mitsingen: „If You Don’t Know Me By Now“.
Musiker gegeneinander auszuspielen ist ungehörig; wir sind ja nicht beim Tennis. Aber viele verglichen doch die Trompetenstimmen. Denn als nun die hochkarätige Band von Till Brönner auftrat mit dem gut aufgelegten Wolfgang Haffner am Drum-Set und dem bärenstarken Dieter Ilg am Bass, dazu Hendrik Soll an den Keyboards und einem ganz feinen Saitenkünstler an der halbakustischen Gitarre (Johan Leijonhufvud), da staunten die Besucher nicht schlecht. Derart fulminant und stringent ging die Brönner-Combo zur Sache. Und die Mädels unterm Bühnenrand jubelten. Als Brönner „In My Secret Life“ zunächst lässig sang und dann in sein Horn blies, stellten sich Erinnerungen an Miles Davis ein, der einmal „Time After Time“ so ähnlich interpretiert hatte. Nicht von ungefähr schrieb der jazzverliebte Charlie Watts von den Stones dem Deutschen ins Stammbuch, er sei einer der zwei besten jüngeren Trompeter der Welt. Dabei unterstrich er das Wort „Welt“.
Mit seiner wunderbar eingespielten Band improvisierte Brönner über eine Wes-Montgomery-Nummer, einen Broadway-Standard, stellte Eigenkompositionen vor oder einen Medley von Filmmusiken. Alles sehr gelungen. Großer Beifall auf dem Hafenmarkt.
Der leerte sich nach und nach, denn nun ging’s ab zur langen Kellernacht.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber