Artikel geschrieben am: 28.12.10
Während ihr Mann seit Monaten buchstäblich an sein Haus in Gstaad gefesselt ist, blieb seine Frau ganz gelassen und nahm in Paris eine sehr hübsche CD auf. Emmanuelle Seigner , verehelicht mit Roman Polanski, wollte es schon im November vergangenen Jahres veröffentlichen, doch ehrgeizige Schweizer Justizbeamte stahlen ihr die Show. Wie hätte Madame Seigner in Fernsehstudios und Rundfunkstationen für die neue CD werben sollen, während Monsieur Polanski damals sogar noch in Haft saß? Essig statt Champagne, hieß das neue Motto, Sackgasse statt Boulevard. Was für ein Prominentenabsturz spielte sich da vor den neugierigen Augen der Weltöffentlichkeit ab! „Dingue“ - auf Deutsch „bekloppt“ - hat Emmanuelle Seigner ihr zweites, jüngstes Album betitelt. Ihren wohl angeborenen Optimismus hat sich die 43-jährige Pariserin, die aus einer Künstlerfamilie stammt und von Nonnen erzogen wurde, trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen lassen. Mit 14 Mannequin, mit 19 Schauspielerin in „Détective“ von Jean-Luc Godard und 1988 neben Harrison Ford in „Frantic“ von Polanski, der sie vom Set weg heiratet - das alles trug zu einem gesunden Selbstbewusstsein bei. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass die CD mit „Qui êtes-vous?“ eine Nummer enthält, bei der ein Typ im Bett eines Mädchens aufwacht, das ihn offenbar dort gar nicht haben wollte. Im Stil von Jane Birkin und Serge Gainsbourg erklingen auf der Platte die Stimmen von Emmanuelle Seigner und - man höre und staune - von Roman Polanski. Dingue!
Die Sängerin mit der verführerischen Stimme hält in dieser Situation absolut zu ihrem Mann. Diese Haltung fällt ihr leicht, da sie Polanskis skandalöse Affäre vor 33 Jahren nicht zu berühren scheint - sie selbst war damals eine elfjährige Klosterschülerin. Polanski, der Vergewaltigung angeklagt, hatte sich damals nur des Tatbestands des Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen schuldig bekannt.
Heute ist Seigner der Prototyp der schicken Pariserin, die jünger aussieht als sie ist. In Frankreich gilt sie als verrucht, als „Belle de nuit“, als Schöne der Nacht. In Wirklichkeit, sagt sie, halte sie sich von Drogen fern, rauche nicht, und schon nach einem Glas Alkohol bekomme sie Brechreiz. Doch ganz so unschuldig, wie sie sich gibt, ist die Dame nicht. Ihr erstes Album hatte sie 2007 mit der Gruppe Ultra Orange im Stil von Velvet Underground aufgenommen, sich die Haare platinblond gefärbt und in der Nachfolge von Blondie das Bühnenpüppchen gegeben. Emmanuelle Seigner steht nämlich - ähnlich wie ihr Mann - auf Helden wie David Bowie und auf die Swinging Sixties in ihrer schrillen, dekadenten Form. Auf dem Cover von „Dingue“ präsentiert sie sich im Streifenkleidchen und mit Stiefeln wie einst Nancy Sinatra. „Jamais d’autres que moi“ besingt Seigner das Porträt einer Frau aus männlicher Sicht - wohl das eigene. Die andere maskuline Stimme auf „Dingue“ gehört nicht Roman Polanski, sondern Iggy Pop, der mit amerikanischem Akzent und seinem Bariton-Sex-Appeal ein Duett mit ihr zum Besten gibt: „La dernière pluie“. Ganz und gar nicht schamlos, sondern lieb und empfindsam klingt „Autant s’aimer autant“, das letzte Lied dieses hübschen Albums: Wenn man die harmonischen Klavierklänge und Oboentöne hört, ahnt man, wie das prominente Paar hinter den verhängten Fenstern ihres Schweizer Chalets sich tröstet, aufmuntert und Mut macht. Thomas Staiber
Emmanuelle Seigner: Dingue. Erschienen bei Columbia/Sony BMG.
Ein Jahrzehnt haben Johnny Cash und der legendäre Produzent Rick Rubin zusammengearbeitet, die letzten zehn Jahre bis zum Tod des „Man In Black“ am 12. September 2003. Nun erscheint posthum Cashs Album „ American VI: Ain’t No Grave“ . Ein letztes Mal begab sich Johnny Cash, der wusste, dass er bald sterben muss, auf den einsamen staubigen Highway. Als er im Mai 2003 die zehn Songs aufnahm, war er schon vom Tod gezeichnet und hatte soeben June verloren, seine Frau. Die Menschen in seiner Umgebung sagten damals, dass ihn nur die Musik am Leben erhalten habe.
„American VI“ ist ein dunkles, ergreifendes Zeugnis der Liebe, der unendlichen Trauer und des Todes. Die unverwechselbare Stimme von Johnny Cash, an der man sich so oft die Seele erwärmen konnte, ist hier wie eine ersterbende Flamme, die bläulich auf totem Holz züngelt. Wie alle Alben der „American“-Serie besteht auch dieses letzte weitgehend aus traditionellem Material. Ein Song von Kris Kristofferson ist darunter, einer von Tom Paxton, von Sheryl Crow und Bob Nolan. Eine Handvoll Musiker sind auf der Serie zu hören, neu bei „American VI“ sind nur die Avett Brothers. Alle begnügen sich damit, Johnny Cash zu begleiten und seiner dunklen, von Trauer erfüllten Stimme ein letztes Mal einen sanften Klangraum zu bereiten. Beim Hören schnürt sich einem die Kehle zu, weil diese pechschwarzen, traurigen Songs so gelassen klingen. Das letzte Kapitel ist geschlossen. Mit „Aloha Oe“, dem wunderschönen zärtlichen Abschiedlied aus Hawaii, klingt das Album aus.
Johnny Cash: American VI - Ain’t No Grave. Erschienen bei Lost Highway / Universal.
~ Thomas Staiber
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