Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Kuhn, Paul 80.)

Der Mann am Klavier wird morgen 80
Auch den 15-jährigen Paul reizte das Verbotene. Daheim in Wiesbaden hörte er die deutschsprachigen Sendungen von BBC, das sich während der Nazi-Zeit an „die geknechtete Jugend Deutschlands“ richtete. Da wurde eine Musik gespielt, die das weitere Leben des Jungen prägen sollte. Paul Kuhn hörte zum ersten Mal – nachts und heimlich – Jazz. Genauer: den schmissigen Bigband-Swing von Glenn Miller, der 1943, ein Jahr vor seinem tödlichen Flugzeugabsturz über dem Ärmelkanal, in London stationiert war. Kuhn war fortan „In The Mood“.
Gleich nach dem Krieg meldete er sich bei Schlagzeuger Freddie Bocksieper, der für seine Jazzcombo einen Pianisten suchte. Im amerikanisch kontrollierten Sektor standen dem Jazz die Türen der Clubs offen, und ein hungriges deutsches Publikum machte sich mit lässig swingendem Jazz vertraut. Schnell wurde Kuhn ein begehrter Arrangeur – etwa für das Orchester von Kurt Edelhagen. Doch zum Star machte ihn schlagartig ein Hit, den er – wohl ein wenig Dean Martin im Ohr – total gelangweilt sang, das Lied vom Mann am Klavier, der, wie manche Musiker, gerne mal ein Bier trinkt. Ein zweiter Gerstensaftschlager wurde nachgeschoben: „Es gibt kein Bier auf Hawaii“. Damit wurde Kuhn sehr populär, aber das Image des Unterhaltungssängers haftete an ihm wie Harz. Dabei schlug sein Herz für den Jazz. In den 60-er Jahren waren Unterhaltungsmusik und swingender Jazz kein Gegensatz. So konnte sich der geborene Charmeur und Fernseh-Entertainer („Hallo, Paulchen!“) immer auch mit Bigbandjazz beschäftigen. Mit großem Erfolg leitete er das SFB-Orchester, dann die SFB-Bigband, die bei legendären Sendungen wie „Gestatten, alte Platten“ mitreißend swingte. Doch dann war Schluss mit lustig. Der öffentlich-rechtlich geförderte Jazz wurde in eine Nische gesteckt und dann ganz gestrichen. Das war 1980 in Berlin der Fall. Kuhn zog nach Westdeutschland, arbeitete mit den Bigbands von WDR und SWR und wurde in der Kölner Philharmonie einmal mehr zum Publikumsmagnet. 1996 gründete er ein Jazztrio. Auch das funktionierte bestens. Zum 75. Geburtstag stockte er es mit Bläsern wie Ack van Rooyen, Jiggs Wigham oder Saxophonist Peter Weniger auf und nannte es ganz bescheiden „The Best“. Nun zum runden Geburtstag gibt es wieder eine Tournee mit diesen Herren, diesmal aber verstärkt durch einen Satz Streicher und das mit sattem warmem Ton aufspielende Babelsberger Filmorchester. Auf dem Programm: Take The A-Train, der gute alte St. Louis Blues und auch Blue Monk. Das Titelstück der neuen CD zu singen, lässt sich der Mann am Klavier natürlich nicht nehmen. Unnachahmlich lässig singt er „As Time Goes By“. Da ist er ganz in seinem Element, dem Jazz, der in sein Leben so viel Schwung und in die deutsche Unterhaltungsmusik Niveau gebracht hat. Wir gratulieren.
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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