Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: kuhn, paul 75)
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Am 15. März 2003 wird Paul Kuhn 75
Aus diesen Augen blitzt nicht bloß der verschmitzte Schalk, dieses zerfurchte Gesicht offenbart Spuren eines intensiven Musikerlebens, es zeugt von Glücksmomenten in langen Nächten, auch von herben Niederlagen. (Finanziellen vor allem). Es ist das Gesicht eines Charmeurs, eines lässigen Entertainers. Morgen (?) wird Paul Kuhn 75.
Als Elfjähriger schon kam er zum ersten Mal mit Jazz in Berührung. Heimlich hörte er als Schüler eines Frankfurter Internats Schellack-Platten von Glenn Miller und Benny Goodman. In der NS-Zeit, als es hieß „Gleichschritt Marsch!“, war Swing-Musik strikt verboten. Das Grammophonhören übte auf den kleinen Paul, der sich sofort vom Swing, diesen unerhörten Klängen mitreißen ließ, wie auf jeden Bub, der Verbotenes tut, einen großen Reiz aus. Und es fiel bei dieser Begabung auf fruchtbaren Boden.
Die Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutete für Kuhn, endlich so frei zu sein, das zu tun, was er am liebsten tat: Er setzte sich ans Klavier, trank noch ein Bier und eiferte seinem Vorbild Art Tatum nach. Er jammte in den Clubs der US-Streitkräfte, machte im Heidelberger Studio des Army -Senders AFN eigene Jazz-Sendungen, bekam die höchst begehrten Noten des Great American Songbook und erarbeitete sich ein umfangreiches Repertoire an Jazz-Standards.
Paul Kuhn zählt neben dem Tenorsaxophonisten Max Greger, 77, oder dem Klarinettisten Hugo Strasser, 81, zu den großen Jazzpionieren in Deutschland. Und der swingende Jazz hat Kuhn ein Leben lang nicht mehr losgelassen.
Noch heute verlässt er sein Schweizer Chalet auf der Lenzer Heide für etwa siebzig Tage im Jahr, um auf Tour zu gehen. „Das brauche ich“, sagt er. Dieses Jahr führt ihn anlässlich seines 75. Geburtstages eine Jazzgala mit einer All Star-Band durch deutsche Städte. Die Sängerin Greetje Kauffeld wird dabei sein, mit der er im Duo „Young At Heart“ zum Besten geben wird. Dieser Sinatra-Song steht wie ein Motto über Kuhns lässigen Bühnenauftritten. Vor rund fünfzig Jahren, als der Schlagerkomponist Kuhn mit pfiffigen Hits wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ oder „Die Farbe der Liebe“ abräumte, trat er erstmals mit dem jungen Greetje aus dem holländischen Hilversum im Gesangsduett auf: „Jeden Tag, da lieb ich dich ein kleines bisschen mehr“. Ein rührender Moment, wenn zwei nach so vielen Jahren noch einmal miteinander singen. Und dann spielt Benny Bailey, der schon in den 40-er Jahren mit Lionel Hampton musiziert hat, seine vibratoreiche Trompete, Jiggs Wigham, der Chef der BBC Big Band Posaune, Gustl Mayer und Peter Weniger Saxophon! „Swingende Medizin gegen Alltagsstress“, urteilt Gudrun Endress vom Fachmagazin Jazzpodium über diese feine Auswahl von Swing- , Bossa- und Bebop-Standards. Wir meinen: Diese Jazzgala ist bestimmt die beste Art des deutschen Show-Biz-Urgesteins Paul Kuhn, mit seinem Publikum Geburtstag zu feiern. Keep swinging, Paul! Thomas Staiber
~ Thomas Staiber