Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Kuhn 2008 Geburtstagskonzert)

Paul Kuhn, 20. 03. 2008, Theaterhaus
Man glaubt es ihm unbedingt: Swingende Musik geht ins Blut und wirkt belebend. Das gilt für das Publikum, aber auch die Musiker selbst. Das ist auch gut so, denn Paul Kuhn - erst vor Kurzem wegen einer Gesichtsgürtelrose aus der Klinik entlassen - ist auf Tournee. In fünfzehn Städten präsentiert der gerade achtzig gewordene Kuhn sein Geburtstagskonzert und die neue CD mit dem Titel „As Time Goes By“. Damit schaut er zurück auf ein erfülltes Musikerleben. Nach diesem von tausend Besuchern umjubelten Konzert im Theaterhaus wird eine andere Bedeutung klar: Die Zeit war wie im Flug vergangen. As Time Goes By. Könnte so harmonisch und elanvoll wie Paul Kuhns Swing nur das ganze Leben sein, mag mancher auf dem Heimweg gedacht haben. Vielleicht auch Kuhn selbst, der - fast blind – am liebsten komponiert, arrangiert, dirigiert, singt und Klavier spielt. Das mache ihn froh, sagt er verschmitzt, und sein zerfurchtes Gesicht zeigt jede Menge Lachfalten. Mit Schlagern wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ ist Kuhn bekannt und wohlhabend geworden, denn er wollte nach dem Krieg „nicht Straßenbahn, sondern Cadillac fahren“, aber solche alkoholseligen Hits sind nicht mehr auf dem Programm. Paul Kuhn ist nämlich zu seiner großen Liebe zurückgekehrt: zum Jazz.
In wechselnden Besetzungen, vom intimen Trio, das er mit hervorragenden Bläsern zur Combo „The Best“ aufstockt, bis zum sanft anschwellenden, kein bisschen bockigen Streichorchester aus Babelsberg spielt er eingängige Eigenkompositionen (Almost The Blues) und vor allem Nummern aus dem Great American Songbook, die er in amerikanischen Clubs gleich nach dem Krieg gelernt hat: so etwa den guten alten Limehouse Blues (Solo: Gustl Mayer), das wunderbare Round Midnight (Solo: Ack van Rooyen) oder ein süßes Stückchen wie I’m Getting Sentimental Over You (Solo: Peter Weniger). Stets ist Kuhn der Chef, der aus der Tiefe des Klangraums heraus die Band diskret, aber bestimmt führt. Alles klingt lässig und animiert zu gut gelauntem Wippen und Fingerschnippen; dahinter jedoch verbirgt sich die Präzisionsarbeit eines Perfektionisten. Beim Klavierspiel hält Kuhn die feine Balance zwischen Virtuosität und Beschränkung auf’s Wesentliche. Mit unverwechselbarer Baritonstimme bringt er „I Can’t Give You Anything But Love” und ergänzt mit seinem charmanten Zahnlückenlächeln “And Music”. Die Bläser zaubern einen scharf konturierten Riff in den Klangraum, die Streicher füllen ihn mit bittersüßem Schmelz, die Band swingt tierisch, und das Publikum im ausverkauften großen Saal applaudiert und erhebt sich, um den Jubilar, diesen bescheidenen älteren Herrn mit der liebevollen Ausstrahlung zu feiern, der ihm wieder einmal den swingenden Jazz ganz nahe gebracht hat.
Thomas Staiber




~ Thomas Staiber

Deko Füller
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