Artikel geschrieben am: 10.10.10

Yaron Herman Trio


Ein süßes weißes Häschen hat Lewis Carrolls gelangweilter Alice den Weg ins Wunderland gewiesen. Nun folgt der israelische Jazzpianist Yaron Herman demselben Tier. „Follow The White Rabbit“ heißt die Titelkomposition der vorgestern bei ACT erschienenen CD, die der in Paris lebende Tastenkünstler einem sehr aufmerksam lauschenden Publikum im Live-Club Bix vorstellt. Über dem atemlosen Puls des Kontrabasses von Chris Tordini und dem trockenen Drive des Drummers Tommy Crane, beide aus New York, findet Yaron Herman behutsam und sehr entspannt ins Spiel. Allmählich nimmt der Rhythmus an Fahrt auf, die Aktionen werden härter, und der Bassist beschleunigt noch seine Pace. Als werde ein Pfeil abgeschossen, legt der Mann am Klavier nun los. Aberwitzige Läufe perlen auf, die, von raffinierten Tempowechseln durchblendet, mit ganz unterschiedlichen Zitaten gespickt sind. War das nicht „No Surprises“ von Radiohead, könnte das eine Passage aus einem israelischen Volkslied gewesen sein, floss da nicht ein Nirwana-Zitat mit ein, klang da nicht eine Bach-Etüde an? Die Grenzen zwischen den Genres lässt Herman bei seinen Jazzimprovistaionen verschwimmen. Dass dabei die musikalische Aussage prägnant bleibt und nicht im Fondue der Stile zerschmilzt, macht die Kunst dieses bemerkenswerten Musikers aus.

Der hatte vor dreizehn Jahren noch Basketball in einer israelischen Jugendnationalmannschaft gespielt, bis eine Knieverletzung seine Karriere jäh beendete. Er studierte dann Musik, Philosophie und Mathematik in Tel Aviv, ging nach Boston an die Berklee School Of Music, kehrte dem amerikanischen Musikbetrieb den Rücken und entwickelt sich nun in der Nachfolge des tödlich verunglückten Esbjörn Svensson zu einem der wichtigsten Jazzpianisten Europas und erlebt mit seinen neunundzwanzig Lenzen einen kometenhaften Aufstieg.  

Hermans Originalität und seine lyrische Beseeltheit, sein Zitatenreichtum und seine virtuose Dynamik faszinieren die einhundertfünfzig überwiegend jungen Leute im Bix. Mit den ersten Klängen verstummen gleich alle Gespräche im Club, und das Publikum folgt dem Pianotrio begeistert auf dessen blumigem und abwechslungsreichem Weg ins Wunderland des Jazz.   

 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild