Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Kopie von Die Jazztrompeterin Valaida Snow)
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Die Jazztrompeterin Valaida Snow
Eigentlich hatte sie alles, was einen Star ausmacht: Charisma, Schönheit, Virtuosität. Und doch ist die Frau mit der Trompete, deren Leben verfilmt werden sollte, in Vergessenheit geraten. Hundert Jahre alt wäre sie jetzt geworden - Zeit an sie zu erinnern: Valaida Snow aus Chattanooga - schon der Name des dunkelhäutigen Mädchens, das nicht größer als einfünfzig wurde, aber wohl proportioniert, klingt wie Musik. Zunächst lernt es "typisch weibliche" Instrumente: die Harfe, die Mandoline, die Violine. Doch faszinierte es - obwohl oder gerade weil Mädchen kein Blasinstrument lernen sollten - die Trompete, deren triumphale Attacke, die keine Unterordnung kennt, deren hell glänzender Strahl, der sich über alles erhebt. Kochen oder putzen wollte sie nicht, sie wollte spielend Geld verdienen. Also zog sie als blutjunge Variété-Künstlerin in die Südstaaten. Das hieß: miese Unterkünfte, betrunkene Zuhörer, Lynchjustiz. Billie Holiday konnte ein Lied davon singen: Strange Fruit. Valaida Snow zog weiter. Am Broadway trat sie als hoch talentierte Cabaret-Sängerin und geschmeidige Tänzerin vor einem weißen Publikum in der Erfolgsshow "Chocolate Dandies" auf. Den Durchbruch schaffte sie mit "Rhapsody in Black", da spielte sie Klavier, Trompete und dirigierte locker das große Orchester. Sie liierte sich, obschon noch verheiratet, mit Earl Hines, dem Armstrong-Pianisten, wurde wegen Bigamie in Chicago vor Gericht gestellt, was ihre eine Nacht im Gefängnis eintrug, sie aber nur noch bekannter machte. Um Konventionen scherte sie sich nie und liebte, wen sie wollte. Dann schiffte sich die verwöhnte Afroamerikanerin mit ihren hautengen crème- und orchideenfarbenen Abendkleidern (aber ohne ihren ständigen Begleiter, ein possierliches Äffchen) nach Europa ein und spielte mit dem Jazz-Star Django Reinhardt, den sie - wie schon Josephine Baker, Maurice Chevalier, Count Basie und vor allem Louis Armstrong - mit glänzendem Trompetenspiel und selbstbewusstem Auftreten beeindruckte. Weiter führte sie die Tournee nach London, dann nach Bombay und Shanghai. Überall wurde sie als "Hot Snow" umjubelt wegen dieser erotischen Bühnenpräsenz, des an Satchmo erinnernden Trompetenstils und ihres lässig swingenden Gesangs. 1940, als die glamouröse, aber inzwischen häufig koksende Valaida Snow in einem Kopenhagener Jazzclub auftrat, marschierten die Nazis in Dänemark ein. Sie kam wegen Drogenmissbrauchs ins Gefängnis und wurde abgeschoben. Nur war sie jetzt nicht mehr das süße junge Ding, dem sich alle Türen auftaten. Also machte sie sich mit einer Lüge interessant und behauptete vor der nordamerikanischen Presse, in einem KZ interniert worden zu sein. "Little Louis" tourte danach an der Ost- und Westküste der USA. Aber ihr Ruhm verblasste allmählich. Beim letzten Auftritt im New Yorker Palace Theatre erlitt Valaida Snow eine Gehirnblutung. An ihrem 52. Geburtstag wurde sie beerdigt. Einige Größen des Show-Business begleiteten sie zur letzten Ruhestätte. Man spielte "Over The Rainbow" und begann sie zu vergessen. Thomas Staiber - zum Nachlesen: Candace Allen: Valaida. London (Virago), 2004. 504 S. (Eine ausführliche Biographie, die Einblicke gibt in die Macho-Welt des Jazz, den US-Rassismus und schillernde Vaudeville-Aspekte, geschrieben von Simon Rattles zweiter Frau) - zum Anschauen: http://forums.allaboutjazz.com/showthread.php?p=57369 - zum Genießen: Hot Snow - Queen of Trumpet. Drg Records, 2001 (Doppel-CD).
- zum Anschauen: http://forums.allaboutjazz.com/showthread.php?p=57369
- zum Genießen: Hot Snow – Queen of Trumpet. Drg Records, 2001 (Doppel-CD).
~ Thomas Staiber