Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Kopie von dauner14.04.03)

Ein Nachmittag mit Wolfgang Dauner, 14. 04. 2003
Als ich nach fast drei Stunden die Treppen zum Herdweg hinuntergehe, kommt mir eine Komposition von Wolfgang Dauner in den Sinn: „Nachmittag über den Dächern von Stuttgart“. 1983 hatte er sie für seine Frau Randi geschrieben und auf seiner ersten Solo Piano-Schallplatte mit brillanter Leichtigkeit und Frische, viel Feeling und struktureller Intelligenz eingespielt.
Wie er zu seinen musikalischen Einfällen komme, frage ich den international renommierten Musiker. Am Computer, beim Klavierspielen? „Überall, bei jeder Gelegenheit“, antwortet er lakonisch. „Ich muss sie dann sofort festhalten und - wenn es geht – gleich am Flügel ausprobieren.“ Dauner lässt sich von Bildern inspirieren (in seinen Free-Jazz-Zeiten von Pollocks Action-Painting, später von M. C. Eschers verschachtelten Labyrinthen) und immer wieder von besonderen Momenten in seinem Leben. Vor allem mit seiner Frau („Late Night With R.“), mit ihr im Hotel „Drachenburg“, ihrem Refugium am Bodensee. „Mit Randi und gesund“ möchte er seinen Lebensabend verbringen, „und vor allem Musik machen. Denn das – ich schwör’s - ist ein echter Jungbrunnen.“
Eine Todeserfahrung, die er mit sechzehn machte, als er auf dem Heimweg von einer Mucke nach Münster von einem betrunkenen Autofahrer auf den Randstein geschleudert wurde, hat er auch verarbeitet: „In Koma Veritas“. Ist der Tod das Nichts, das auf das Leben folgt?, fragt sich der 67-Jährige. „Vielleicht“, fügt er lachend hinzu, „lass ich mich für 30.000 Dollar einfrieren und nach ein paar Jahrzehnten auftauen, wenn die Medizin so weit ist.“ Seinen Schlaganfall vor drei Jahren hat der Stuttgarter Vorzeigejazzer völlig überwunden. „Nur scheinen das meine früheren Geschäftspartner, von denen ich Aufträge für Filmmusiken bekommen habe, nicht zu realisieren“, sagt er desillusioniert über Gepflogenheiten der Bewusstseinsindustrie. „Die Lücken schließen sich sehr schnell.“ Dauner moniert die herrschende Tendenz, Background-Musik für Filme nur noch mit dem Computer, mit Sequencer und Sampling-Programmen zu machen. „Dazu brauchst du nicht mehr Musik zu studieren. Aber zu welchem Musikteig, zu was für einem Einheitsbrei von Klischees hat das geführt!“
Eine seiner ersten Plattenaufnahmen trug 1963 den Titel „Amerika, ich rede dich an“. Ich frage den 67-Jährigen, wie er nach dem Irak-Krieg Amerika heute anreden würde. „Natürlich sind wir alle gegen den Krieg, und ich bin gottfroh, nie Soldat gewesen zu sein. Ich weiß auch noch genau wie es ist, aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden und in den Luftschutzbunker zu rennen. Aber Europa muss heute mit den USA zusammen arbeiten, nicht gegen sie.“
Ich schaue auf den blühenden Kirschbaum und trinke einen Schluck Sprudel. Wir schweigen eine Zeit lang. Dann reden wir über Dauners schönes Haus, das in den zwanziger Jahren gebaut wurde und in dem sich besonders dank seiner Frau mit ihrer künstlerischen Ader eine wunderbare Atmosphäre ausgebreitet hat. Wir sprechen über Dauners frommen Wunsch, dass es auch in der hiesigen Radiolandschaft eine Quote geben sollte, die den Anteil deutscher Musik regelt: „So wie in Frankreich. Und hier 60% deutsch, 40% international!“ Wir sprechen über klassische Pianisten, die aus Prestigegründen behaupten, die Noten eines Klavierkonzerts nur einmal durchlesen zu müssen und schon das Stück für immer zu beherrschen.
Lachend gehen wir vom Garten zurück ins Haus. Ich bekomme eine CD. Sie heißt „Dream Talk“, enthält vierzig Jahre alte Trio-Aufnahmen mit Wolfgang Dauner, Eberhard Weber und Fred Braceful und wurde soeben in Japan wieder aufgelegt. Es ist hierzulande eine echte Rarität. Dann zeigt mir Dauner stolz die selbst geschriebene Partitur seines soeben fertig gestellten Projekts „Haydn 14 heute“. Es ist der zweite und dritte Satz der 14. Klaviersonate in Es-Dur, eine Sonate, die er schon als Bub in der Klavierstunde sehr gerne gespielt hat. Nun, mehr als fünfzig Jahre später, hat er sie für das Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Dennis Russel Davis bearbeitet. Mini Schulz, der Dauner den Auftrag vermittelt hat, spielt dabei Bass. Wir unterhalten uns am Ende dieses Nachmittags über den Dächern von Stuttgart über den typischen Widerspruch des 18. Jahrhunderts, revolutionäre Kühnheiten in der Maske der Konvention zu verwirklichen. Dauner sagt, er wolle Haydn ins 21. Jahrhundert „verlängern“, indem er musikalische Einschübe hineinkomponiert habe, die Improvisationsräume schaffen. Er zeigt sich fasziniert von Haydn, der für die Symphonie und das Streichquartett die Grundlagen der Wiener Klassik geschaffen hatte.
Am 3. und 4. Mai wird „Haydn 14 heute“ im Mercedes-Forum Stuttgart uraufgeführt werden. Und wenn man dem komponierenden Pianist Wolfgang Dauner und dem Dirigent Dennis Russel Davis glauben darf, wird das ein Haydn-Spaß. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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