Artikel geschrieben am: 28.12.10

Peter Herbolzheimer


Nur wenige Tage nach dem Tod von Erwin Lehn erreicht uns die Nachricht vom Tod eines anderen großen Bigbandleiters. Peter Herbolzheimer ist, wie seine Frau Gisela mitgeteilt hat, am Samstagnachmittag nach inneren Blutungen in einem Kölner Krankenhaus gestorben. Die europäische Jazzwelt verliert mit Herbolzheimer einen herausragenden Orchesterchef, Arrangeur, Musikpädagogen und Komponisten, der sich auf Augenhöhe mit den Größten der Zunft befand. Benny Goodman schrieb ihm 1986 kurz vor seinem Tod, wie sehr er ihn als Mensch und seine Musik schätze, Sammy Nestico oder Bob Mintzer waren ebenfalls von Herbolzheimer stark beeindruckt. Strahlende Lebensfreude, klares analytisches Denken, eine nie versiegende Quelle musikalischer Ideen, ein wunderbares Gefühl für Sounds, Bescheidenheit, Freundlichkeit im Umgang – waren Qualitäten dieses großartigen Menschen, den sie seiner Körperfülle wegen gerne als Mr. Kugelbauch bezeichneten.

Herbolzheimers Fähigkeit, junge hochbegabte Musiker auf ihren Beruf vorzubereiten, ihnen seit 1987 im dem Bundesjazzorchester ein hochklassiges Betätigungsfeld und ein Sprungbrett für ihre professionelle Karriere zu bieten, wird von allen besonders hervorgehoben. Klaus Graf oder Andi Maile loben ihren Meister, der sich von allen gleich duzen ließ, in den höchsten Tönen. Bei etwa zwanzig Workshops pro Jahr war er sich nicht zu schade – und bewies dabei oft eine Eselsgeduld – auch Amateur-Bigbands mit vereinfachten Arrangements nach vorne zu bringen.

Geboren wurde Peter Herbolzheim 1935 in Bukarest. Als Sechzehnjähriger kam er nach Nürnberg zu einer Tante, wanderte nach Detroit aus, wo er als Autodesigner bei GM in Detroit arbeitete und mit Gitarrenunterricht etwas dazu verdiente. Ein Autoliebhaber ist Herbolzheimer geblieben, stolz darauf, dass sein Sohn Oldtimer restauriert. Zurück in Deutschland spielte Herbolzheimer Bassposaune in amerikanischen Clubs, später bei Erwin Lehn und Bert Kaempfert. Musiker wie Herb Geller oder Ack Van Rooyen holte er sich in seine Rhythm Combination & Brass, die er 1969 gründete und mit wuchtigem, aber elaboriertem Bigband-Sound Riesenerfolge feierte. Cross-Over hieß Herbolzheimers Rezept: Latin, Samba, Rock und Swing mit viel Blech, wenigen Saxophonen und einer bärenstarken Rhythmusgruppe.

1972 erhielt er den Auftrag die Einzugsmusik der Olympischen Spiele von München zu komponieren und die Bigband live – mit sechzehn Schlagzeugen - zu dirigieren, 1973 verlieh ihm Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz. Es folgte die langjährige Zusammenarbeit mit Alfred Biolek bei dessen legendärer Live-Sendung Bios Bahnhof.

Herbolzheimers bevorzugter Platz zum Komponieren und Arrangieren war übrigens die Badewanne, da hatte er seine Ruhe und die besten Einfälle. Ein Album nach dem anderen brachte die RC&B heraus mit Titeln wie „My Kind Of Sunshine“, „Hip Walk“, „Fat Man Boogie“ oder „Latin Groove“. Die Gastsolisten konnten sich sehen und hören lassen: Stan Getz war dabei, Dizzy Gillespie, Albert Mangelsdorff, Gerry Mulligan und viele andere. Herbolzheimers Konzertauftritte in großen Hallen oder in Clubs wie dem Stuttgarter AT oder dem Karlsruher Krokodil wurden vom Publikum enthusiastisch gefeiert. Nun musste dieser warmherzige, intelligente und charmante Mann, der sich so unermüdlich für den Jazz engagiert hat, im Alter von 74 Jahren sterben. Alle, die ihn erlebt und seine mitreißende Musik gehört haben, werden um ihn trauern.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild