Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Kopie von Coup de blues 2008)

Coup de blues, 23. 08. 2008, Kiste
Wenn sich einer einmal richtig elend fühlt, sagt man in Frankreich, er habe einen coup de blues. So nennt sich eine Band aus Marseille, die nun im Jazzclub Kiste aufgetreten ist. Bassist Vincent Vialard - seit Jahren in unserer Gegend ansässig - holt die kleine Bluesformation gelegentlich von Südfrankreich nach Süddeutschland. Bei den Ansagen sonnt er sich in seinem guten Deutsch und streut gern Umgangssprachliches ein, während Kollege Philippe Morana an der Gitarre fast nach jeder Nummer das Publikum auf Englisch fragt, ob es den Blues fühle. Wenn ihm die Antwort zu dünn erscheint, beginnt er zu gähnen.
Er selbst hätte allerdings mit einem elaborierteren Gitarrenvortrag für Abwechslung sorgen und solistische Glanzlichter setzen können, begnügte sich indessen meist mit ostinatem Akkordspiel. Das allerdings machte er gut. Überhaupt kommt das Trio mit seiner schlichten Spielweise ungeschminkt und direkt zur Sache. Auf Sahnehäubchen und raffinierte Zutaten verzichteten die drei Herren aus dem Feinschmeckerland. Ob das in absichtlicher Beschränkung der eingesetzten Mittel geschieht oder wegen mangelnder technischer Fähigkeiten, bleibt offen. Klar: Der Blues ist keine kulinarische Veranstaltung, da geht es um primäre Affekte, um sexuelle Anspielungen (Little Red Rooster, Honey Bee), ums Verlassensein (My Baby Left Me), um Protest (Ghetto), aber eben auch oft um ausgelassene Stimmung, die etwa im Boogie-Woogie-Takt mit Walking Bass und Honky-Tonk-Feeling zum Tanzen animiert. Da schaukeln die Tunes im Sechsachteltakt, schmelzen süße Terzen. Gelegentlich wird die Aktion härter, der Drummer schlägt auf dem Trommelrand den Rhythmus durch, das Hi-Hat hüpft unverdrossen, der Bass marschiert weiter und die E-Gitarre heult wie ein einsamer Wolf in einer Mondnacht. Vialard und Morana teilen sich den Gesang: Während der Bassist mit heiserem Blues-Shouting die lauten Songs bevorzugt, singt der Gitarrist mit samtener Baritonstimme eher die Nummern, bei denen es um Liebe geht. Weil Coup de Blues weiß, dass die Kiste eine lange Jazztradition hat, spielen sie eine rasante Version von Gershwins schönem Wiegenlied Summertime und mokieren sich dann über die kühlen verregneten Sommertage in Deutschland. „Do You Feel The Blues?“ ruft ein ums andere mal Monsieur Morana, und das Publikum antwortet dieses Mal vielstimmig: „Yeah!“ Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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