Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Kopie von Chicago 2008 jazzopen)

Chicago, 16.7.2008 Pariser Platz
Chicago klingt fast wie Chicago
Gespannt warten etwa viertausend Menschen auf dem Pariser Platz nach dem Auftritt der empfindsam und kraftvoll singenden Helen Schneider und ihrer vorzüglichen Band (Jo Ambros, Gitarre, Mini Schulz, Bass, und Obi Jenne, Schlagzeug) auf die acht Männer aus der Stadt am Michigansee. Würde Chicago ihren einst progressiven Brass-Rock machen oder glatten Mainstream spielen, würden sie sich von dem Wort „Jazz“ im Festivalnamen inspirieren lassen oder Kuschelballaden präsentieren? Die Antwort am Ende: von allem etwas. Und die Erkenntnis: Die leiseren Lieder gelingen am besten.
Von der Urbesetzung sind bloß noch Keyboarder und Komponist Robert Lamm, Trompeter Lee Loughnane und Posaunist James Panlow übrig geblieben. Doch erstaunlicherweise klingt Chicago immer noch wie Chicago. Bassist und Sänger Jason Scheff kann Pete Cetera zwar nicht vergessen lassen und Gitarrist Keith Howland ist kein Terry Kath. Doch das Gefüge stimmt, der Sound passt: Ein knallharter Groove macht den Klangraum sehr kompakt, die E-Gitarre schneidet sich metallisch ihre Bahn, die Bläsersätze – anfänglich ein wenig zu leise abgemischt – kommen scharf konturiert wie ein Riff. Von „Dialogue“ führt eine kurze Brücke direkt zu „Ballet“, und der musikalische Staffellauf geht – wie damals auf der LP – nahtlos weiter. Bei „Colour My World“ leuchten die Handys in der Dämmerung, die Lichtregie taucht die Bühne in tiefes Purpur, die Querflöte klingt, als ob ein Hirte sie spielte, und Robert Lamm singt das Lied, bei dem sich schon so viele Liebespaare umarmt haben. Doch da dröhnt das Schlagzeug, ertönt dreistimmig die Fanfare, aus der sich tief tönend die Zugposaune hervorhebt, der Rhythmus zieht an, eine hohe Stimme (Scheff) singt „Make Me Smile“.
Deutlich fallen gegen das alte Material die neueren Nummern ab. „Presswurst“ kommentiert abfällig ein Besucher. Doch schon bei „If You Leave Me Now“ blickt er wieder zufrieden drein. Dem Crescendo der Bläser antwortet der kleine Männerchor, Lee Loughnanes Trompete jubiliert in den höchsten Tönen. Die Erwartungshaltung des anspruchsvollen Publikums wird so zur höchsten Zufriedenheit erfüllt. Man ist bereit, die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen. Zur Belohnung gibt es ein Bonbon: Glenn Millers „In The Mood“.
„Erfolg spricht für sich“ lautete einst die Ansage, wenn Chicago die Bretter der Welt betrat. Erfolg hatten sie wahrlich genug: hundert Millionen Platten, Platin, Gold, Grammys und – viel wichtiger – ihre Lieder haben sich im kollektiven Gedächtnis weltweit eingebrannt. Diese Erfolgsstory kann Chicago indes nur weiterschreiben, wenn die hohe Qualität der alten Lieder nicht durch schwache neue Nummern in Frage gestellt wird. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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