Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Koller tot 12-03)
---
Der große österreichische Jazzmusiker Hans Koller ist am Montag in Wien verstorben
Bernd Konrad, Professor an der hiesigen Musikhochschule, berichtet erschüttert vom Tod des für ihn „wichtigsten Musikerkollegen“ Hans Koller. Auf dem Weg nach Teneriffa erreichte ihn die traurige Nachricht von Kollers Tochter Marietta. Seit sechs Wochen befand sich der 82-jährige Tenorsaxophonist nach einem Schlaganfall in einem Wiener Krankenhaus und Konrad wollte ihn an Sivester besuchen. Nun muss er zur Beerdigung seines langjährigen engen Freundes. Zuletzt hatten sie dieses Jahr im „Porgy and Bess“, Europas größtem Jazzclub, ein intensives Konzert gegeben. Mit dabei der österreichische Holzbläser Wolfgang Puschnig und aus Stuttgart Jazzpreisträger Ekkehard Rössle. „Musik im Kollerland“, wie die englische Musikzeitschrift einmal formulierte. „Bei ihm zu sein war eine Schule“, fasste Joe Zawinul seine Erfahrungen mit Koller zusammen und nannte ihn überschwänglich „unseren Gott“. Koller, der eine ausgeprägte künstlerische, aber fast gar keine kaufmännische Ader hatte, lebte - vor zwei Jahren Witwer geworden - allein und verarmt in seiner Wiener Wohnung in der Josefstadt. Die ist ihm nun nach vierzig Jahren gekündigt worden. Ein Umzug blieb ihm, der mit kaum jemand über seine materielle Situation sprach, erspart.
Dabei zählt er zu den wirklich Großen des europäischen Jazz. Und selbst die Amerikaner wollten ihn, der in der Kriegsgefangenschaft eine sehr erfolgreiche Jazzcombo leitete, partout nicht gehen lassen und ihn am liebsten gleich in die USA mitnehmen. Doch Koller prägte stattdessen mit seiner Variante des Cool Jazz die europäische Szene und wurde 1960 in Antibes als „bester Jazzmusiker Europas“ ausgezeichnet. „Ich spiele Klänge, die wie eine Farbkomposition sind“, charakterisierte er einmal seine Musik. Der Bezug zur abstrakten Malerei, die er neben dem Jazz bis zu seinem Tod betrieb, führte zu Kontakten zu Picasso und anderen Künstlern. Stillstand war Koller ein Graus. „Wenn einer dreißig Jahre das Gleiche spielt, spielt er dreißig Jahre schlechter“, pflegte er zu sagen. Er selbst öffnete sich dem Free Jazz und komplexen Auftragswerken (Donaueschingen), nachdem er mit der High Society des amerikanischen Jazz, mit Stan Kenton, Benny Goodman oder Dizzy Gillespie gespielt hatte. In den letzten Jahren belebte das Mitglied der European All Stars die Szene mit kraftvollen, aussagestarken Projekten wie „Koller Meets Classic“ oder „Free Sound“. Als Mentor förderte er junge Talente und suchte immer wieder das Zusammenspiel mit befreundeten Jazzmusikern. Wie zuletzt mit den drei Holzbläserkollegen Konrad, Puschnig und Rössle, für die das, ohne es zu ahnen, ein Abschiedskonzert geworden ist. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber