Artikel geschrieben am: 06.06.10

Joe Henry & Brad Mehldau


 

Respekt! Thomas Wördehoff, der neue Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, setzt mit einem vielseitigen Programm und außergewöhnlichen musikalischen Begegnungen Festivalmaßstäbe. Der Jazz mit seiner erfrischenden Spontaneität belebt dabei den gelegentlich in Ehrfurcht erstarrten Konzertbetrieb. „Frische Nahrung, neues Blut“ – Goethes Wort könnte auch als Motto über diesen Festspielen stehen.

Am Mittwochabend trafen sich unter den schweren Kristalllüstern des  Ordenssaals der nordamerikanische Singer-Songwriter Joe Henry und sein Landsmann, der Jazzstar Brad Mehldau, zum musikalischen Stelldichein, zur Song Conversation I. Beide Musiker hatten zuletzt mit überragenden CD-Aufnahmen auf sich aufmerksam gemacht: Henry mit „Blood From Stars“ und Mehldau mit einem „Highway Rider“. In der intimen Dialogsituation des Duokonzerts gibt Joe Henry, 49, mit der melancholisch angehauchten Alltagspoesie seiner Songs den Ton an. Mehldau, 40, fungiert meist als Begleiter. Aber als was für einer! Henry nimmt seine schwarze Akustik-Gibson in den Arm, stampft mit seinem linken Wildlederstiefel einen schwerfällig schaukelnden Rhythmus auf den Bretterboden und singt mit heiserer Stimme "I'm going climb that hill", die erste Zeile von „Bellwether“. Und einer der weltbesten Jazzpianisten fällt ein und begleitet diesen in Indigoblau getränkten Blues mit pfirsichsüßem Klavierspiel, mit perlenden Läufen, mit dunklen samtenen Akkorden. Einen einfühlsameren Begleiter könnte Joe Henry sich gar nicht wünschen. Er lässt sich von diesem beseeltem Klavierspiel beflügeln und singt ein Liebeslied, „My favorite Cage“. Ganz unprätentiös und natürlich. Aber in der Stimme dieses Poeten vibriert so viel Soul, dass Passanten zusammenströmen würden, wenn er - statt im barocken Ordenssaal - als Straßensänger in einer Ludwigsburger Unterführung singen würde. Am Ende des Taktes pflegt er die Silben eine Oktave höher ausklingen zu lassen, und schon bekommt diese raue maskuline Stimme, die auf die Härte der Verhältnisse zu reagieren scheint, ein ganz empfindsames, fast verletzliches Timbre. Henry singt von der Liebe, von Narben, vom Neonlicht, das sich in Pfützen spiegelt, von der Hoffnungslosigkeit, von Vagabunden, von einem Vögelchen in schützenden Händen, von einem besseren Leben. Doch eigentlich, sagt er, seien alle Lieder nur Variationen eines einzigen Themas. Er stellt die Gitarre hin und singt ohne großes Aufheben zu machen Cole Porters „I’ve Got You Under My Skin“. Für seine Frau, die in einem Vorort von Los Angeles mit den beiden Kindern auf ihn wartet. Sehnsüchtig, nehmen wir an. Brad Mehldau fächert bei seinem Klavierchorus die Harmonien auf, schält behutsam die Melodie heraus, lässt sie eintauchen in den lebendigen klaren Fluss der Töne, er baut Widerstände ein, sodass Gegenläufe und Strudel entstehen, aus denen unvermittelt das Thema wieder auftaucht wie eine Blüte. Dabei swingt er leicht und elastisch. Ein wunderbarer Pianist. Dann spielt er allein Neil Youngs Song von der Heroinsucht „Needle And The Damage Done“ - so schön, als würde die Sonne über dem Meer untergehen. „Stop“ heißt ein Lied von Joe Henry, das von Madonna, seiner Schwägerin, unter dem Titel „Don’t Tell Me“ gecovert wurde. Hier erlebt das Publikum den Song im Original - als staubtrockenen Tango. Die Song Conversation von Joe Henry und Brad Mehldau klingt nach mehreren Zugaben unter dem herzlichen Beifall der begeisterten Besucher aus. Die hatten nichts anderes erlebt als eine Sternstunde der Musik.

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild