Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Kiste 26. + 27. 7. 2010)
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Kiste 26. und 27.7. 2010
Das große Sommerfestival Jazzopen ist zu Ende, doch der Jazz in Stuttgart pulsiert und pulsiert. Die Kiste, Stuttgarts kleiner Live-Club, ist montagabends rappelvoll, wenn die seit 1994 hier lebende Koreanerin Gee Hye Lee die besten Jazzer der Region auf die Bühne bittet. „Genious Monday“ heißt dieses Ereignis, das ganz viele junge Leute, aber auch in Ehren ergraute Jazzfreunde in die Kiste lockt. Vorher isst mancher noch im Stehen „Curry Spezial mit Kartoffeln rot-weiß“ beim Brunnenwirt um die Ecke, dann geht’s hinein ins Getümmel. Wer früh genug da ist, hat die Chance, einen Sitzplatz zu ergattern. Die anderen lehnen an der Wand; sogar draußen stehen ein paar und schauen zum Fenster rein. Dort auf dem Trottoir sind in der Pause auch die Musiker, um frische Luft zu schnappen oder - im Gegenteil – eine Zigarette zu rauchen. Da wird dann im Fachjargon geplaudert, Gigs werden verabredet, es wird lauthals gelacht. Hier können die Besucher die Musiker kennen lernen, denen sie eben noch mit anerkennenden Yeah-Rufen und begeistertem Klatschen applaudiert haben. Rollstuhlfahrer Tobi, ein Jazzkenner, zählt mit Freundin Evrin zu den Stammgästen; er genießt die Live-Musik, das Bierchen, die lockeren Sprüche, die Atmosphäre im Club.
Die reizende Jazzpianistin aus Fernost hat mit Klaus Graf das Bossa-Rio-Projekt von Cannonball Adderley aus dem Jahr 1962 erarbeitet. Am Kontrabass steht Axel Kühn - Landesjazzpreisträger wie Graf - wie immer verlässlich, klar strukturierend und einfühlsam spielend. Hinter dem Schlagzeug hat ein alter Bekannter Platz genommen. Michael Kersting, ein druckvoll trommelnder Drummer, der von 1988 an jahrelang regelmäßig in der Kiste spielte, ist aus Berlin, seiner neuen Heimat, eingeflogen. Mit welchem Elan und wie sexy Klaus Graf auf seinem Selmer-Saxophon improvisiert, ist eine Freude. Auch bei brasilianischen Kompositionen wie Joyce’s Samba oder Corcovado von Jobim bläst Graf in der Nachfolge des großen Cannonball Adderley sein Horn und bewegt dabei rhythmisch die Schultern. Gee Hye Lee am Klavier ist technisch sehr gut, sie spielt geschmackvoll und mit einem feinen Gespür für musikalische Abläufe. Die Pianistin aus Seoul beeindruckt mit ihrem Soul-Jazz Publikum und Band-Kollegen. „Und am Dienstag steigen wir bei der Jam-Session ein und zeigen’s den Jungen“, sagt Graf lachend nach dem Konzert. „Kati Brien und Sören Jagdhuhn sind am Start.“ Die Fellbacher Altsaxophonistin und der Tenorist mit dem einprägsamen Namen studieren in Berlin und zählen zu den großen deutschen Jazzbegabungen. Jetzt in den Semesterferien sind die beiden in Stuttgart. Am Montag noch als aufmerksame Zuhörer in der Kiste, am Dienstag stehen sie als Akteure im Scheinwerferlicht. Sören Jagdhuhn spielt so expressiv, als hinge sein Leben davon ab, und Kati Brien fasziniert mit ihren schön geschwungenen Spannungsbögen und einem runden eleganten Ton. Als dann Klaus Graf einsteigt, sind die jungen Kollegen und das Publikum in der Kiste hellauf begeistert. Der junge Jazz steht dieser Stadt gut zu Gesicht. Er strahlt innovative Frische aus. Weit über die Landesgrenzen hinaus. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber