Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Kent-Monheit-Wilson)
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Damenabend mit Quartettspiel
Stacey Kent, Jane Monheit und Cassandra Wilson beim LBBW Jazz Open 2003
18.07.03, Beethovensaal, Liederhalle
Nach einem kurzen Warm-Up fand das schlagzeuglose Quartett zueinander, fand Frontfrau Stacey Kent ihre Mitte. Als Seelenöffner der sympathischen Mädchenfrau mit dem fehlerhaften, aber akzentfreien Deutsch diente Irving Berlins anrührende Ballade „Say, It Isn’t So“. Auf einmal schien das Alltägliche abgefallen zu sein, und ein wunderbarer Festivalabend von drei bemerkenswerten Jazzsängerinnen nahm seinen Lauf. Zunächst füllte die helle Stimme der in England lebenden Amerikanerin den Beethovensaal. Vibratolos, mit klarer, gut verständlicher Artikulation und ausgeprägter Gestaltungskraft ließ Stacey Kent die 30-er und 40-er Jahre, die Lieder von Cole Porter, Rodgers und Hart und der Gebrüder Gershwin wieder aufleben. Das fällt ihr, besonders bei langsamen Nummern, nicht schwer: Die Melodien sind eingängig, die Lyrik intelligent, und jede einzelne Note federt elastisch und swingt. Dazu die frische Stimme einer bestens aufgelegten Frau und ein gediegenes Jazzquartett mit Ehemann Jim Tomlinson am Lester-Young-Gedächtnissaxophon. Da fühlt man sich fast wie in einem alten amerikanischen Liebesfilm: Bewitched, Bothered And Bewildered.
Eine rauere Eleganz, gekittete Brüche und überwundene Widerstände prägten das Klangbild des Quartetts von Jane Monheit, die sich mit ihren 25 Jahren und erst drei CDs schon mit der Aura einer Diva umgibt. So hübsch wie der junge Elvis, ein wenig rundlicher, wirft sie das Haar zurück, legt die Hand aufs Zwerchfell, lässt sie lasziv wandern und singt inbrünstig „Easy Living“, „Cheek To Cheek“ oder „Lover Come Back To Me“, übrigens eine beliebte Filmnummer des ungarischen Operettenkomponisten Sigmund Romberg.. Auch Jane Monheit präsentiert mit vorbildlicher Intonation, faszinierender Expressivität, eindrucksvoller stimmlicher Kraft und Geschmeidigkeit also das gute alte Material aus dem Great American Songbook. Sehr gut unterstützt von Mike Kanan, derm Arrangeur am Klavier, und herausragend von Saxophonist Joel Frahm. Leider noch nicht abgewöhnt hat sich die junge Lady den kleinen Schluchzer, den sie ans Ende jeder Passage zu setzen pflegt. Der wirkt nicht sinnlich, sondern mit der Zeit ausgesprochen störend.
Den öfters erhobenen Vorwurf, Jane Monheit würde den Jazz allzu anbiedernd kommerzialisieren, können wir allerdings nicht nachvollziehen, die Befürchtung, sie würde bald das Genre wechseln (Musical, Oper?), schon eher.
Retour à la nature, back to the roots – der Top Act der zweiten Festivalnacht erwärmte das Herz durch Klangbilder von natürlicher Schönheit. Signiert von Cassandra Wilson und ihrem Quartett. Wie eine Seerose auf einem nächtlichen Teich leuchtet Cassandras warme Altstimme, in der Sehnsucht und Glück, Trauer und Nähe, Alleinsein und Sinnlichkeit aufgehoben sind. So wie in ihrer Musik Blues, Folk und Jazz zu einer harmonischen Synthese zusammenfinden. Nach langen Jahren des Suchens (Jazzstandards, M’Base-Experimente, Postbop, Postfree, Funk) hat sie nun ihren Weg gefunden. Darauf schlendert die kleine dunkelhäutige blond gefärbte Frau in die musikalische Zukunft hinein. Wir schauen und hören ihr dabei gern zu. Angenehm wehen dort „Soft Winds“ (, ein Lied, das Dinah Washington einmal populär gemacht hat). Denn es ist heiß in den Südstaaten, der Heimat von Cassandra Wilson. Baumwollfelder säumen den Weg, lange Güterzüge donnern vorbei, und der Mississippi trägt träge seine Fracht. Die Lieder - meist vom Blues durchtränkt - erzählen leidvolle und leidenschaftliche Geschichten. Die geheimnisvoll dunkle Stimme der 48-Jährigen findet in der Mundharmonika ein Pendant, der Schlagzeuger spielt mit bloßen Händen, der Bass klingt warm und süß, und eine halbakustische Gitarre hellt den Klangraum auf. So vergeht das Konzert – von ein, zwei langweiligen Nummern abgesehen – wie im Flug, und die „Neumondtochter“ entlässt mit einem Gutnachtlied von Bob Dylan und der One Note Samba alle, die dem Ruf der Cassandra in den schönen Beethovensaal gefolgt sind. Hinein in eine warme Stuttgarter Julinacht. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber