Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Kent - Wülker 10 2008)
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Stacey Kent / Nils Wülker, 5.10.08 Mozartsaal
Es ist das alte Lied. Kaum macht jemand schönen Jazz, kommt schon der Vorwurf, da fehle das Widerborstige, ohne das es keine Kunst gebe. Das tauge bestenfalls zum Traum, zur Verklärung. Und Stacey Kent singt als Zugabe ausgerechnet What A Wonderful World. Die wenigsten im Saal wissen, dass sie gerade einen Brustkrebs überstanden hat und jetzt jeden Moment als Geschenk empfindet. Besonders die moments musicaux auf der Bühne. Kents Musik mag hübsch sein, aber sie plätschert nicht dahin, sie berührt die Menschen, als seien die Lieder eigens für sie geschrieben. Mit Kitsch hat das nichts zu tun, auch nicht mit Wellness- oder Aufzugsmusik. Kent macht ihre charmanten Ansagen auf Deutsch, dann singt sie mit frischer swingender Stimme amerikanische Songs, Originalkompositionen und – nahezu akzentfrei - zwei Chansons von Serge Gainsbourg. Die britische Band, in der ihr Mann das Saxophon spielt und komponiert, begleitet geschmackvoll und dezent. Besonders schön, mit glockenheller Stimme und perfekter Phrasierung interpretiert Stacey Kent Balladen, Say It Isn’t So beispielsweise. Die meisten Lieder ihres aktuellen Albums Breakfast On The Morning Tram, das sie in der Pause signiert, handeln – wie könnte es anders sein – von Liebesglück und Liebesleid. Manche bringt ein sanfter Sambarhythmus zum Fließen. Als dann My Heart Belongs To Daddy angestimmt wird, betritt ein blonder Kerl die Bühne. Es ist der Trompeter Nils Wülker aus Hamburg, der mit einem fulminanten Solo einsteigt. Lächelnd applaudiert Stacey Kent. In den USA, England und Frankreich ist sie längst ein Star. In Stuttgart jedoch wollen sie nur etwa 200 Menschen sehen. Vielleicht liegt das am Ort und an der Zeit. Karsten Jahnkes neue Konzertreihe „Jazz Today“ wäre im Theaterhaus oder im Bix an einem Freitag- oder Samstagabend bestimmt besser aufgehoben.
Den zweiten Teil des Konzerts bestreitet der 31-jährige Wülker mit seinem seit acht Jahren bestehenden und somit glänzend eingespielten Quintett. Auch hier wird eine aktuelle CD vorgestellt. Turning The Page heißt sie und ist in Wülkers eigenem Label Ear Treat erschienen. Jetzt herrscht ein rauerer Ton als bei der Dame zuvor. Die Aktionen sind zupackend, der Schlagzeugrhythmus härter, der Bass treibender, der kleine Bläsersatz mit Altsaxophonist Jan von Kiewitz scharf konturiert. Nervöses Großstadtgetriebe scheint diesen maskulinen Jazz in die Gänge zu bringen. Doch auch darin verbergen sich Sehnsüchte und Melancholie. Nils Wülker bläst seine triumphalen Trompetenattacken mit rundem Ton, die Lars Duppler mit schwirrenden Keyboardklängen oder perlenden Klavierläufen unterlegt. Es sind spannende Improvisationen, aber sie reiben sich nicht in Dissonanzen auf, sondern streben vom Rauen zu harmonischen Schönheiten. Besonders bei ruhigeren Nummern. Da greift Wülker zum warm und weich hallenden Flügelhorn und lässt Klangwolken durch den Mozartsaal schweben. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber