Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Kaas 10.02.2009)
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Patricia Kaas: „Kabaret“, 10.02.2009 Beethovensaal, 2000 Besucher, Regie Frédéric Albert
Patricia Kaas in kurzem schwarzen Jackett und schwarzen Leggins zeigt Haut. Ihren bleichen, wohl geformten Körper bewegt sie auf hohen Stöckelschuhen, präzise bis in die Fingerspitzen und meist wie in Zeitlupe. Die Bühne bleibt schwarz-weiß wie die Stummfilme von Murnau und Lang, die damals im Capitol am Berliner Ku’damm liefen und nun auf eine Leinwand projiziert werden. Plötzlich platzt Rot herein: Rot spreizt sich das Akkordeon, ein roter Luftballon steigt in den Bühnenhimmel. Darunter - mal feminin, mal maskulin – schlängelt sich eine Ausdruckstänzerin, und Patricia Kaas vor ihrer swingenden Fünf-Mann-Band, singt sich im Rotlicht der Scheinwerfer mit ihrer im Rock gehärteten, im Blues getränkten Sehnsuchtsstimme schon mit den ersten heißen Klängen ins Herz des Publikums.
Das erlebt die Metamorphose einer zierlichen Französin: vom Star früherer Shows in Lederkluft, wie sie Rockerbräute tragen, zur erotischen Femme Fatale der 1920-er und 30-er Jahre. Im digitalen Zeitalter hat Patricia Kaas ein Thema gefunden. Sie nennt es – orthografisch auffällig - „Kabaret“. „Ich will mich verlieren im Fluss des Sexes, in der Flut der Wörter von Anaïs Nin, in den Pinselstrichen der Tamara de Lempicka, ich vergöttere Marlene Dietrich“, bekennt die Kaas, selbst offenbar von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Aus zeitlicher Ferne holt sie die schwelende Erotik der Roaring Twenties auf die Bühne, singt und bewegt sich sinnlich und lasziv. Jede Geste bis in die Fingerspitze einstudiert, jeder Schritt x-mal trainiert. Nichts dem Zufall überlassen, alles läuft rund und glatt. Nach vier Jahren Pause will sie den Erfolg herbeizwingen. Zwei Jahrzehnte wurde sie von Verkaufszahlen verwöhnt, von Applaus umtost, zwanzig Millionen Tonträger, zwanzig Tourneen; nun hat sie erstmals den bitteren Geschmack der Enttäuschung gespürt. Die beiden letzten CDs liefen schlecht, ihr Auftritt in einem Lelouch-Film ein Flop. Den Geschmack in ihrem Mund hat vor wenigen Monaten ein Pariser Sternekoch entscheidend verändert, der der kinderlosen Chanteuse nach Jahren des Alleinseins die Liebe zurückgebracht hat. „Mon Mec à Moi“, singt sie bloß für ihn. Weggeblasen sind schwarzgallige Stimmungen, leidenschaftlich stürzt sich „La Kaas“ ins „Kabaret“, ihr neues Projekt. Und ins Risiko: Soeben ist nämlich bekannt geworden, dass die 42-Jährige im Schlagerwettbewerb der Eurovision Frankreich vertreten wird. Kein Selbstläufer.
Bei diesem Konzertabend dominieren - auch wenn die Band männlich ist - die Frauen, die Heldinnen der Kaas. Auch Hilde Knef („Das Glück kennt nur Minuten“) gehört dazu. Ihrer verstorbenen Mutter widmet Kaas erstmals ein öffentlich gesungenes Chanson: Une Dernière Fois. Patricia Kaas taucht tief in die Vergangenheit ein, um sich neu zu erfinden - und wiederzufinden: in die nachträglich vergoldeten 20-er Jahre, als die Frauen mit Bubikopf, Zigarettenspitze und Boa ihren androgynen Look pflegten. Dazwischen präsentiert sie eigenes neu gestyltes Material, das sich nahtlos in die von Frédéric Albert inszenierte Multimedia-Schau einfügt: von „Mademoiselle Chante Le Blues“ bis „Je Te Dis Vous“. Alles aus einem Guss, alles swingt. Das Publikum in Stuttgart lässt sich von Patricia Kaas berühren und jubelt. Der Erfolg ist wieder da. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber