Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Jopek 06)
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Anna-Maria Jopek Group, 13. 05. 06, TH
Weibliche Global Players gibt es auf der Jazzszene derzeit im Dutzend. Attraktive Vokalistinnen haben das Tor zu neuen Hörerschichten geöffnet, lassen den Jazz in neuem Licht erstrahlen. Kein Grund zu nörgeln, nur weil manche der Damen vermarktet werden wie Models.
Eine Ausnahmeerscheinung ist eine 34-jährige Blondine, die gerade dabei ist, eine Weltkarriere zu starten. Ihre Bedingungen sind glänzend: Wochenlang hat sie die polnischen Charts dominiert, Pat Metheny und andere Koryphäen haben mit ihr gespielt und sie in den höchsten Tönen gelobt. „Secret“, die erste englisch gesungene Platte – nach zehn Alben in polnischer Sprache - wurde in dieser Zeitung als eine CD des Jahres 2005 präsentiert.
Offenbar gibt es in Stuttgart genug Kenner, denn der Saal T3 im Theaterhaus ist am Muttertag gut gefüllt. Gespannt erwartet das Publikum - darunter zahlreich erschienene, enthusiastisch gestimmte Landsleute - Anna-Maria Jopek, die Kultsängerin aus Warschau. Und sie werden eine Frau erleben, die so authentisch singt, dass man ein Herz aus Stein haben müsste, um nicht berührt zu werden.
Samtweich, geschmeidig und sprungbereit wie eine Raubkatze füllt ihre Stimme den Klangraum, zunächst bloß begleitet von einer akustischen Gitarre und einem Bass. Jopek verleiht ihrer Stimme Sinnlichkeit, indem sie den warmen Atem hörbar strömen lässt. Eine absolut sichere Phrasierung und eine traumhafte Intonation sind die Basis für ihre stimmlichen Höhenflüge.
Als der bärenstarke Drummer Pawel Dobrowolski zu trommeln beginnt, wird die Sache derart laut abgemischt, dass man sich auf einem Heavy-Metal-Konzert wähnt. Hat der Mann an der PA einen Hörschaden? Jopeks vibratolose Stimme wird nun immer lauter: sie reicht vom sinnlichen Hauch bis zum archaischen Schrei.
Doch gerade die leiseren intimen Nummern („Don’t Speak“ von Gwen Stefanis, „I Burn For You“ von Sting“, „We Can Work It Out“ von den Beatles oder ihre wunderschöne Komposition „Upojenie“) sind es, die am intensivsten wirken. Man müsste Anna-Maria Jopek wegen des heterogenen Repertoires, aber auch wegen ihres eigenartigen Outfit einen Berater empfehlen, der sie auf die große Karriere vorbereitet.
Die begeisterten Polen jedenfalls erlebten im Theaterhaus einen Heimatabend der besonderen Art. Ob das nun Jazz oder Adult Pop war, interessierte am Ende niemand. Es reichte, dass sie die blonde Frau mit den hohen Wangenknochen auf Englisch, aber vor allem in ihrer konsonantenreichen und doch weichen Muttersprache voller Inbrunst singen hörten. Und auch die deutschen Zuhörer verließen fasziniert das Konzert
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber