Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: jazzopen04-nordic jazz)

lbbw jazzopen stuttgart 2004, 16.07.04. Nordic Jazz
Beethovensaal, 20h:
Immer wieder steht skandinavischer Jazz im Brennpunkt des Interesses. Vor siebzig Jahren, als 10.000 Dänen Louis Armstrong am Bahnhof von Kopenhagen empfingen, wurde Jazz als Gegenkultur zum Ungeist der Nazis gefeiert. Vor dreißig Jahren entwickelte der norwegische Saxophonist Jan Garbarek mit meditativem Akustikjazz eine eigene Ästhetik asketischer Reinheit. Seit ein paar Jahren nun blickt die Jazzwelt wieder nach Nordeuropa: Dort nämlich werden zukunftsträchtige Konzepte realisiert und da hat eine Vielzahl von sehr gut singenden (und aussehenden) jungen Frauen ihre Heimat. Kein Wunder, dass beim lbbw jazzopen dem nordischen Jazz eine 5-teilige Festivalnacht gewidmet wurde.
I. Viktoria Tolstoy – con pressione
Den Auftakt macht Viktoria Tolstoy, die geradezu bilderbuchartig das Klischee der blonden, langbeinigen Schwedin bedient. Mit ihrem Klaviertrio präsentiert sie starke Kompositionen von Esbjörn Svensson, allerdings angestrengt, stets mit stimmlichem Hochdruck, undisponiert und seltsam unbeseelt. Sie mischt Ellingtons laszives „Caravan“ ins Programm, eine Karawane, die sich nur mühsam voranschleppt. Erst als sich der Klangraum bei der Zugabe öffnet, das Tempo langsamer wird und der Swing zaghaft Einkehr hält – beim Titelstück ihrer CD „Shining on You“ - weicht der Druck, den die Ur-ur-enkelin des russischen Schriftstellers sich und ihrer Band aufbürdet. Der erste Act des Abends geriet so leider mehr zur Augenweide als zum Ohrenschmaus.
II. Silje Nergaard – con anima
Saitenklänge einer akustischen Gitarre und die Stimme von Silje Nergaard eröffnen das zweite Konzert des Abends, und im Nu breitet sich eine wohltuend entspannte Atmosphäre aus. Ein starker Drummer markiert mit sparsamen Akzenten den federnden Rhythmus, ein unerschütterlicher Kontrabass sorgt mit warmem Holzton für Grundierung, aufgehellt von perlenden Tonfolgen des Keyboards und der Gitarre. Eine Band, die atmet, eine Band mit Seele und in ihrem Zentrum die wunderbare Silje Nergaard. Sie wiegt sich in den Hüften, legt eine Hand aufs Zwerchfell und singt. Wie ein Troll-Mädchen mit hoher scharfer Stimme, dann in tieferen Lagen wie eine Frau. Die Mittdreißigerin, Mutter zweier Kinder, singt mit Leib und Seele, voller Freude, Zartheit und Kraft. Sie singt einfach und schön, ohne verzierendes Vibrato, traumhaft sicher, hoch konzentriert und entspannt. Die Frage, ob das noch Jazz oder schon Pop sei, wirkt bei der Qualität der Songs, dieser Combo und der charmanten Sängerin obsolet. Musikliebhaber lassen sich da lieber von den Cover-Versionen (Sting, Bowie) überzeugen und berühren, gegen die Nergaards eigene Kompositionen („Be Still My Heart“) kein bisschen abfallen. Begeisterung im Beethovensaal.
III. Nils Landgren – con fuoco
Benny Andersson, einer der beiden ABBA-Komponisten, kommentierte das Projekt „Funky ABBA“ seines Kumpels Nils Landgren so: „Das ist super-scheiß-toll!“ Eine 9-köpfige Funk-Formation mit allem Drum und Dran kreuzt da wie ein schwerer LKW unaufhaltsam durch die musikalische Hit-Landschaft des schwedischen Popquartetts. Von einem hammerharten Rhythmus verdichtet, von einem explosiven Bläsersatz beschleunigt, von zwei Rappern unterstützt, kommt der Funk-Motor schnell auf Touren. Posaunist und Vokalist Landgren, 47, im roten Overall, nimmt wie ein Mechaniker die ABBA-Schlager auseinander, um sie als harmonische Versatzstücke mit hohem Wiedererkennungswert in seine Hochleistungsmaschinerie einzubauen. Das mag ABBA-Fans vergrätzen, Jazz-Freunde verstimmen, die Funk-Freaks jedoch folgen Landgrens in flüssigem Deutsch formulierten Signal ohne weiteres („Steht auf und scheißt auf die Bestuhlung!“) und tanzen vor der Bühne und zwischen den Reihen zu „Voulez-vous?“ oder „Dancing Queen“. Kein Zweifel: Das ABBA-Fieber beginnt an diesem Wochenende in Stuttgart zu grassieren.
IV. Torun Eriksen – con brio
Unterdessen läuft in der intimen Atmosphäre des Mozartsaals ein norwegisches Kontrastprogramm: Engagiert, ernsthaft und intensiv singt dort die junge Norwegerin Torun Eriksen ihre eindringlichen Songs. Ihre Band zeigt die Haltung von Grunge-Musikern: selbstbewusst, ohne Mätzchen. Die wegen ihrer samtenen Soul-Stimme vielfach gelobte Vokalistin ist ganz bei sich selbst und meint, was sie singt. Am liebsten Balladen, die sie mit starker Phrasierung und einem ausgeprägten Gefühl für musikalische Abläufe vorträgt. Über die Klaviatur des Flügels beugt sich ein unscheinbarer Brillenträger, der zurückhaltend, aber ausdrucksstark und schön spielt. Es ist Bugge Wesseltoft, der Mann, der Torun Eriksens starkes Debütalbum „Glittercard“ produziert hat, der Mann, dem die Zukunft des europäischen Jazz gehört.
V. Bugge Wesseltoft – con spirito
Wesseltoft spielt eine glockenklare Keyboard-Phrase, aber sein Interesse gilt schon nicht mehr den Tasten, es richtet sich auf einen schwarzen Tisch, ein elektronisches Labor. Wie der Erfinder aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ hantiert er mit wippendem Oberkörper an Schrauben und Knöpfen. Das Spiel beginnt. Wesseltoft schickt das Material, das er soeben aufgenommen hat, als fungible Versatzstücke auf eine Umlaufbahn. Das unterlegt er mit einem stringenten Beat, der sich auf die Band und den DJ am Turntable wie ein Puls überträgt. Sie begleitet ihn, fächert ihn auf, treibt ihn an. Dann verstummt sie, und ein fader Ton bleibt stehen. Wesseltofts verzerrte Stimme sagt: „Turn, turn.“ Witziger Ausstieg, Applaus des jungen kundigen Publikums, nächste Nummer. Wie eine kühle Ekstase wirkt mit der Zeit - es ist zwei Uhr in der Nacht - diese mitreißende Musik, in der Kunst und Wissenschaft, Handarbeit und Computertechnik perfekt harmonieren. Musik wie Lava, die ins Meer strömt: Bugge Wesseltofts „New Conception of Jazz“. Thomas Staiber







~ Thomas Staiber

Deko Füller
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