Artikel geschrieben am: 01.01.70

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LBBW Jazz Open Stuttgart 2002, 12. 07. 02 Hegel-Saal ( Randy Crawford), Innenhof LBBW (Doldinger u. a.)
Wo bleibt denn hier der Jazz, fragten sich viele beim ersten Blick auf das um einen Tag verkürzte Jazz Open-Programm 2002. Sollte man Stuttgarts großes Sommerfestival in Zukunft nicht lieber „LBBW Pop Open“ nennen?
Und dann noch so ein Auftakt! Ein singender E-Bassist namens Slim Man aus Washington D. C. marschiert Zähne bleckend vor der Begleitband von Randy Crawford auf und ab und reiht unbekümmert ein Musik- und Textklischee ans andere. Dabei unterstützt ihn Mikael Lington, ein in den USA wirkender Schönwettersaxophonist aus Dänemark, nach Leibeskräften. So surft man auf brühwarmen „Smooth Jazz“-Wellen. Perfekt gestylt, völlig risikofrei und total langweilig. Befinden wir uns hier auf einem Weißwäscherkongress oder einem Jazzfestival? Vielleicht gibt Randy Crawford, der Top Act des ersten Abends, die Antwort.
Die schmeichelt sich mit einer angenehm runden Stimme, einer wunderbar sicheren Intonation und unverstelltem Mädchencharme (ihr Alter verrät sie nicht) sogleich in das Herz des Publikums. Die Stimmung im Hegelsaal steigt von Lied zu Lied. Die barfüßig auftretende Frau mit dem beträchtlichen Resonanzkörper macht zwar auch keinen Jazz, aber lebendig strahlende und sympathisch warme Musik mit hohen Wiedererkennungswerten. Bob Dylans „Knocking On Heavens Door“ hat sie im Repertoire, „Cajun Moon“ von J. J. Cale, „The Captain Of Her Heart“, „Music’s In The Air“ und – man höre und staune – auch einen veritablen Jazz-Song, das anrührende Liebeslied „What A Diff‘rence A Day Made“, das einst Dinah Washington und Esther Phillips interpretierten. Und natürlich steuert Frau Crawford zielsicher ihren Repertoire-Höhepunkt an, „Street Life“, den 80er-Jahre-Disko- und JuZe-Ohrwurm. Als Zugabe und Rauswerfer bringt sie „Imagine“, doch da kippt, was vorher soviel gute Stimmung gebracht hat. Mit unmotiviertem Gekichere während des Singens gibt sie Lennons Utopie-Song nolens volens der Lächerlichkeit preis.
Jazz war das nicht, aber das umjubelte Konzert einer starken Sängerin, die sich mit delphinartiger Geschmeidigkeit in Gospel, Soul und Pop bewegt, eine Sängerin, die uns berühren kann.

Am zweiten Festivaltag hielt der Jazz Einzug. Bedenken der Puristen, man befinde sich womöglich auf dem falschen Dampfer, wurden von fünf Jazzpianisten weggefegt. Allein, es fehlte die
große Zugnummer vom Schlage eines Corea, Hancock oder Jarrett. Doch die spielen auf anderen Festivals. So verirrte sich eine kleine Schar von Jazzfans in den Hegelsaal. Die erlebten fünf Achtundachtziger, die zuerst solierten, um dann den musikalischen Staffelstab in fliegenden Wechseln weiter zu geben. Den Höhepunkt des „Piano Summit“ markierte das fulminante Duospiel von Geoff Keezer und Jacky Terrasson, aber auch die bluesgetränkten Klaviernummern von Altmeister Junior Mance, der dezente und sehr geschmackvolle Mainstreamer Bill Charlap und auch der temperamentvolle junge Brite Alex Wilson mit seinem Faible für Latin Tunes ernteten viel Beifall.

Dorniger, aber viel spannender und schöner als ausgetrampelte Schlagerwege sind die Pfade des Jazz. Das weiß auch Nana Mouskouri, 67, die auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu Jazzstandards ihrer Jugend zurückgekehrt ist. Hinter sich die enorm druckvolle Berlin Radio Big Band, souverän dirigiert vom Komponisten, Pianisten und Arrangeur, dem Landesjazzpreisträger Ralf Schmid. Was für eine Herausforderung vor einem derart muskulösen Klangkörper zu singen, welche Chance für eine Vokalistin ein Klangbad in einem solchen Sound zu nehmen! Auf federnden Samtpfoten kommt die erste Nummer daher: die Ballade „No Moon At All“ singt die polyglotte Griechin mit kleiner, fast unschuldig kindlicher Stimme. Sie liefert sich aus und verschanzt sich nicht hinter Weltstarallüren. Das wirkt sympathisch und rührt einen an, obwohl man erschreckt feststellt, dass diese Stimme dünner, tiefer, brüchiger, kurz: dass sie älter geworden ist: Umso dynamischer agiert das konzentrierte, aber allzu ernste Jazzorchester, das rund läuft wie ein starker, großhubiger Motor und die bebrillte Hellenin nach Kräften entlastet und unterstützt. Am überzeugendsten geraten ihr entspannt swingende Nummern wie „Black Coffee“ oder das frivole „Makin‘ Whoopee“. Da scheint durch, weshalb sich die Mouskouri auf dieses Jazzprojekt eingelassen haben könnte:, auf diese Musik, mit der ihre große Karriere begonnen hat. Am Ende stehen die Menschen auf, bringen ihr Blumen an die Rampe – natürlich auch weiße Rosen - und applaudieren. Nana Mouskouri dankt der Big Band, umamt Ralf Schmid und wischt sich Tränen aus den Augen.
Thomas Staiber


Ein neuer urbaner Platz für Events
Der Innenhof der riesigen LBBW-Zentrale am Hauptbahnhof wird nur von Bankangestellten in der Mittagspause genutzt und – nach Schalterschluss – von ein paar Stuttgarter Skatern. Das soll sich, so schwebte es OB Schuster beim Festival-Grußwort vor, ändern: „Stuttgart 21“, das Stichwort. Logisch, dass das von der LBBW aufgegeriffen wird. Mit einem Open-Air-Konzert des von ihr gesponserten Sommerjazzfestivals wurde in der Freitagnacht dieser eindrucksvolle urbane Platz eingeweiht. Für 25 Euro pro Person fand sich tatsächlich auf dem von Glas, Stein und Stahl begrenzten Innenhof ein eher junges Publikum ein. 2000 Leute in Partylaune, dicht gedrängt.
Joy Denalane, vor 28 Jahren als Tochter eines schwarzen Südafrikaners und einer Deutschen in Kreuzberg auf die Welt gekommen, transportierte mit einer exzellenten Band den Soul der 60er und 80er Jahre ins neue Jahrzehnt.– darunter Stuttgarter Jazzer wie Frank Kuruc, g, Sebastian Studnitzky, tr & fl, Frank Lauber, sax, und Dalma Lima, perc - und drei sich anmutig bewegende, stimmgewaltige Chormädchen. Treibende Grooves, schwebende Keyboardklänge, scharfe Bläserriffs, helle Gitarreneinsprengsel und die mal eindringliche, mal honigsüße Soul-Stimme der hübschen Frontfrau mit dem Afro-Look locken die Leute in wilde musikalische Gärten. Denalane singt aber auch ganz prosaisch von Aids in Afrika, sie intoniert einen Text von Brecht und setzt so der Architektur als kühler Machtdemonstration des Geldes die Hitzegrade einer menschlichen Musik entgegen, die kritischen Aussagen ihrer deutschen und englischen Texte. Ein ausgesprochen reizvoller Kontrast, der zwar nicht die Verhältnisse zum Tanzen, aber das Auditorium unterm Sternenzelt zum Jubeln bringt..
Keiner verlässt den neuen Event-Raum, als Altmeister Klaus Doldinger seinen geliebten Tatort, die Bühne betritt. Mit der Turn-Table-Crew von DJ Heli, Sound-Tüftlern, Rap-Reimern, dem Hiphop-Trompeter Joo Kraus und weiteren sechs First-Class-Musikern inszeniert der 66-Jährige Saxophonist seinen Passport Remix und besteht locker die Feuertaufe vor diesem jungen, keineswegs anspruchslosen Publikum. Doldingers scharfe, aussagekräftige Jazzstimme durchdringt markant den brodelnden Dancefloor-Mix. Wie schon so oft ist er auf der Höhe aktueller Trends, nach wie vor spielt er für sein Leben gern, wie stets hat er alles im Griff und wie immer verdient sich ‘ne goldene Nase dabei. Klaus im Glück.
Auch noch nachts um zwei – zur besten Diskozeit also – blieb der LBBW-Innenhof gut bevölkert, die Schlangen vor dem Getränkeausschank lang. DePhazz, eine Heidelberger Combo mit wechselnden Sängern, einem Blech- und einem Holzbläser, einem Perkussionisten sowie DJ zog mit raffinierten elektronischen Sounds, vorwärts treibender Live-Musik und einer bekömmlichen Easy-Listening-Melange von Trip Hop, Latin, NuJazz, Soul und abgedroschenen Schlagerzitaten das sich in den Hüften wiegende und lächelnde Publikum in ihren Bann.
Glückwunsch, Herr Oberbürgermeister! Der Traum von Stuttgart 21 wurde in dieser lauen Sommernacht Wirklichkeit.
Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
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