Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Jarrett Montreux 2001, 2 CDs 2007)
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Keith Jarrett: My Foolish Heart, Live at Montreux. Doppel-CD, ECM Records, 2007.
Wer das einzige, innerhalb kürzester Zeit ausverkaufte Konzert von Keith Jarrett in Frankfurt dieser Tage nicht erleben konnte, darf sich nun mit einer Doppel-CD trösten, die soeben das Münchener Plattenlabel ECM Records herausgebracht hat. Die Live-Aufnahmen wurden vor sechs Jahren beim Jazzfestival in Montreux eingespielt. Da war der damals 56-jährige Ausnahmepianist nach überstandenem Erschöpfungssyndrom mit seinem regulären Trio wieder in Höchstform - und ausnahmsweise gut gelaunt - aufgetreten. Das Trio spielte dreizehn Nummern, die zwischen sechs und zwölf Minuten dauern. Die Gesamtaufnahme ist allerdings wegen des nicht enden wollenden enthusiastischen Beifalls deutlich länger. Sie ist technisch exzellent, sodass sich, verfügt man über entsprechende Abspielmöglichkeiten, die Konzertatmosphäre gut nachvollziehen lässt.
Aber selbst wenn man sie unter ungünstigen Bedingungen abspielte, käme man aus dem Staunen nicht heraus. Jarrett selbst ordnet diesen Konzertmitschnitt so ein: „Er zeigt das Trio von seiner launigsten, melodischsten und dynamischsten Seite. Wenn es im Jazz um Swing, Energie und die schiere Ekstase von Musikern und Hörern geht, dann fällt mir kein besseres Konzert des Trios ein.“ Die beiden mit „My Foolish Heart“ überschriebenen CDs präsentieren bekannte Standards wie den Titelsong, „The Song Is You“, „On Green Dolphin Street“ oder „Only The Lonely“. Dazu Kompositionen wie „Four“ von Miles Davis, „Oleo“ von Sonny Rollins oder „Straight No Chaser“ von Thelonius Monk.
Jarrett überwältigt selbst eingefleischte Jazzfans mit taufrischen Sichtweisen, die er dem vertrauten Material abgewinnt, mit dem er kreativ, oft huldvoll zelebrierend, zuweilen gottlob auch humorvoll umgeht, es aber nie in respektloser Dekonstruktion zerlegt.
Die Sensation aber sind drei Nummern, die von Jarrett nicht unbedingt zu erwarten waren. Der begnadete Pianist entpuppt sich auf diesem Doppelalbum als Ragtime-Spezialist in der Nachfolge eines Scott Joplin oder Fats Waller. Mit welcher Lust und Präzision er solche Ohrwürmer wie „Ain’t Misbehavin“, „You Took Advantage Of Me“ oder „Honeysuckle Rose“ in die Tasten haut, ist schlicht und ergreifend toll. Denn was kann dem geneigten Jazzhörer Besseres widerfahren, als wenn ein mit allen zeitgenössischen Wassern gewaschener Improvisator, begleitet von solchen wunderbar eingespielten Musikern wie Gary Peacock am warm und voll tönenden Kontrabass und Jack Dejohnette am knackig klingenden Schlagzeug die guten alten unbändig swingenden Nummern noch einmal spielt? Da kommt Freude auf. Das ist ganz klar.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber