Artikel geschrieben am: 01.01.70

--- (Datei: Jamie Cullum)

Jamie Cullum, 19. 11. 2006 Theaterhaus
Da ist er also, der viel gerühmte junge Mann, der die Jazzszene aufmischen soll, dass es nur so kracht. Tatsächlich: Beim Konzert von Jamie Cullum wiegen sich im unbestuhlten Saal des Theaterhauses etwa 1400 jubelnde Besucher rhythmisch in den Hüften, so dass der Eindruck eines im Wind wogenden Ährenfeldes entsteht. Der 27-jährige Engländer, der mit seinem Wuschelkopf, den zerschlissenen Jeans, den Chucks und einem Totenkopf-Shirt glatt zehn Jahre jünger wirkt, räumt zurzeit richtig ab: drei Millionen verkaufter CDs, Platz fünf in den Pop-Charts, eingeladen zur Geburtstagsfeier der Queen.
Schon bei den ersten Klängen (in fast klirrender Hard-Rock-Lautstärke) wird schlagartig klar: Der Junge verfügt über eine erstaunlich maskuline Stimme und kann blendend singen, er hat Energie im Überschuss und das Selbstbewusstsein eines Stars. „Genial!“, hauchen die Damen im Parkett. Eine wird gar im Überschwang der Gefühle ein Höschen auf die Bühne werfen, was Cullum mit einem lässigen „Thanks for the pants“ entgegennimmt. Man befindet sich hier nicht etwa beim Auftritt einer Boy-Group, man rezipiert „Nischenmusik“, wir hören Jazz!
Der Junge, der da so wild über die Bühne wirbelt, hat ein wunderbares Gefühl für die Abläufe des Jazz, er verbindet den Drive eines knallharten Rockers mit dem Swing eines begabten Jazzers. Sein einziges, allerdings nicht unbeträchtliches Problem: Die Cover-Versionen sind tausendmal besser als das Selbstgeschriebene.
Cullums Show haut einen um. Die Laser-Light-Show taucht die Bühne in gleißendes lila Licht, auf die Leinwand werden live Großaufnahmen projiziert und Schwarzweißfilmchen, die wirken, als hätten die Bilder gerade laufen gelernt. Präzision und Durchschlagskraft der exzellent eingespielten Band werden durch absichtlich eingestreute kleine Unzulänglichkeiten und Widerborstigkeiten aufgraut. Mit den charmanten Ansagen entsteht so eine sehr sympathische Atmosphäre, die Cullum mit überbordendem Talent und unbekümmerter Glaubwürdigkeit dominiert. Er singt die hübsche Hendrix-Ballade „The Wind Cries Mary“, „I Got A Woman“ von Ray Charles in aberwitzigem Tempo, aber mit viel Soul, er erinnert mit „Old Devil Moon“ an Frank Sinatra, ohne ihn jedoch im geringsten zu kopieren. Er bespringt das Klavier (, das er bestens beherrscht), er spielt Gitarre, er trommelt wie ein geborenes Rhythmustier, und er geht in dem, was er tut, völlig auf. Mit seinem Glücksgefühl auf der Bühne korrespondiert die ausgelassene Stimmung im Saal. Jamie Cullum bringt wirklich Leben in die Bude. Das hat dem Jazz gerade noch gefehlt. Thomas Staiber

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild