Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Ilg Interview 2008)
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Der Weltreisende des Jazz
Von Martin Woltersdorf, 11.11.08, 20:42h
Zwischen Lehre und Spiel: Der große Saxophonist Charlie Mariano wird 85 Jahre alt. Er gehörte zu den Allstars des „United Jazz + Rock Ensembles“, ihre LP „Live im Schützenhaus“ zählt zu den meistverkauften Jazz-Alben in Deutschland.
Charlie Mariano (Bild: dpa)
Als Carmine Ugo Mariano, Sohn italienischer US-Einwanderer, im Alter von 17 Jahren entschlossen war, Musiker zu werden, reagierte der Vater wie andere Väter in dieser Situation: „Lern was Anständiges. Musik ist o. k., aber suche Dir einen richtigen Job.“ Zu spät. Aus Carmine Ugo wurde Charles Hugo, und daraus schließlich Charlie. Das Saxofon war sein Instrument. Seine Vorbilder hießen Johnny Hodges und Benny Carter, bis, ja bis ihm einer sozusagen den Kopf verdrehte: Charlie Parker.
In Boston, Marianos Heimatstadt, gab es eine kleine, aber rührige Jazzszene. Und darin eine Reihe guter Musiker wie Jacki Byard, Quincy Jones, Sam Rivers, Gigi Gryce, Serge Chaloff oder Dick Twardzik. Man tauschte sich aus, ging zusammen ins Studio oder spielte in diversen Club-Sessions. Die Platten aber waren es, die in erster Linie den Musiker über seine Stadtgrenze hinaus bekannt machten. So reüssierte der Bostoner Saxophonist 1951 auf einer Einspielung für das renommierte Label „Prestige“: „The New Sounds From Boston - Charlie Mariano And His Groups“. Der anerkannte Musikjournalist Nat Hentoff legte da noch entscheidend nach, in dem er Mariano 1952 als den „größten Musiker Bostons“ adelte.
1953 kam Schwung in die Karriere des 30-Jährigen. Stan Kenton, Leader einer damals richtungsweisenden („Progressiv Jazz“) und doch populären Bigband, meldete sich bei Charlie in Boston und engagierte ihn für sein Orchester. Er blieb bis 1955, der Tour-Stress wurde ihm schließlich zu viel. Eine Konzertreise mit Stan Kenton indes wird Mariano nie vergessen, und zwar die von 1954 mit den Gastsolisten Dizzy Gillespie, Lee Konitz, Errol Garner - und Charlie Parker.
1956 zog Mariano an die Westküste der USA, der „West Coast Jazz“ war in jenen Tagen en vogue. Kein Geringerer als der Schlagzeug-Feinmotoriker Shelly Manne bat ihn in seine diversen „Men“-Combos. Bei ihm verweilte er über zwei Jahre. Schon da erlangte Mariano als Komponist und Arrangeur Reputation. Ein Schlüsselerlebnis allerdings sollte noch folgen: 1962 rief ihn Charles Mingus, als Jazz-Erneuerer verehrt, aber auch kritisch beäugt, in seine „Working Group“.
Marianos Leben wechselte von da an ständig hin und her, von Lehrtätigkeiten (Berkeley School Of Music) zu Aufnahmen und Gigs, von den USA nach Japan, Europa, Malaysia und Indien und wieder zurück. Trotzdem wurde mehr und mehr das alte Europa zu seinem Wohnsitz und Arbeitsraum.
„Pork Pie“ und Eberhard Webers „Colours“ markierten eine wichtige Epoche in seinem Schaffen. Und er gehörte zu den Allstars des „United Jazz + Rock Ensembles“, ihre LP „Live im Schützenhaus“ zählt zu den meistverkauften Jazz-Alben in Deutschland. Sein Faible für Grenzüberschreitungen hat Charlie Mariano nie verloren, noch immer verbrüdert er sich vorzugsweise mit dem indischen „Karnataka College Of Percussion“, das er seit 1976 kennt.
Interview mit dem bekannten Freiburger Kontrabassspieler Dieter Ilg anlässlich des Charlie-Mariano-Abends am 21.11.2008 im Theaterhaus
Fragen: Thomas Staiber
1) Dieter Ilg, welche Bedeutung hat Charlie Mariano für Sie?
Ich lernte Charlie vor mehr als 20 Jahren kennen, als ich kurzfristig angefragt wurde für ein Konzert mit ihm und Jasper van´t Hof in Freiburg. Das Zelt war brechend voll, und wir gingen ohne Probe Sekunden vor Konzertbeginn auf die Bühne. Charlie hatte eine sehr beruhigende Ausstrahlung, er zeigte keinerlei Starallüren. Beeindruckend und Maßstab zugleich. Seither begegneten wir uns in den verschiedensten Konstellationen, z.B. auch mit Wolfgang Dauner. Und seit acht Jahren fahren wir im Duo eine schöne musikalische Partnerschaft. Ich bin sicher, dass Charlie viele Jazzliebhaber und Musiker mit seiner natürlichen Herangehensweise ans Musizieren beeinflusst hat und auf der ganzen Welt geschätzt wird.
2) Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit CM gemacht?
Charlie ist ein Musiker, der immer sein Bestes gibt, er spielt quasi um sein Leben. Ich bewundere ihn wegen dieser Leidenschaft und schätze seine Direktheit. Bei ihm ist relativ schnell klar, was er mag und was er nicht mag.
3) Wie soll dieser der 85-jährigen Saxophonlegende gewidmete Konzertabend verlaufen? Worauf freuen Sie sich speziell?
Es wird ganz unterschiedliche Besetzungen geben, Duos, Trios und diverse größere Formationen aus dem bunten Reigen der eingeladenen Musiker. Ich freue mich auf die Begegnungen und besonders auf ein intimes Duostück mit dem weisen Abruzzenwolf, wie ich ihn liebevoll nenne. Hernach würde ich ein gut gekühltes Bier regionaler Herkunft nicht von der Lippenkante stoßen... ein Hoch auf Charlie!
4) Was hat es mit Ihrem neuen Soloprojekt auf sich?
Nun, Ende Oktober wurde meine neueste Tonkonserve BASS (fullfat07) veröffentlicht. Eine live eingespielte Geschichte, Kontrabass solo. Mein jüngstes Baby, das seit diesem Jahr vermehrt in Solokonzerten mündet. Es wird meinem Spiel ein gewisser Unterhaltungswert nachgesagt, was mich glücklich macht. Ich bin fürs erste sehr zufrieden mit diesem Projekt und dem Silberling, der in wenigen Wochen auch in Vinyl erhältlich sein wird.
~ Thomas Staiber