Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Ibrahim, Abdullah06)
---
Abdullah Ibrahim, 21. März 2006 Theaterhaus
Abdullah Ibrahims Klaviermusik kommt aus der Erinnerung, es ist eine melancholische Musik, in der die Süße des Glücks den Ton angibt, die aber auch getränkt ist von den blutigen Schrecken der Apartheid in Südafrika. Es ist eine langsame, leise dahin fließende Musik - von einem jungen einfühlsamen Bassisten und einem leichthändigen Schlagzeuger begleitet - eine kleine Traummusik, deren schlanke Schönheit und feine Züge durch den völligen Verzicht auf elektronische Verstärkung noch besser zum Vorschein kommen. Der Jazz von Ellington und Monk hat sie geprägt und die süßen Harmonien Südafrikas.
Während hier alles auf das Erwachen des Frühlings wartet, hat Abdullah Ibrahim die Sonne Südafrikas nach Stuttgart gebracht. Jeder Ton, den er am Flügel anschlägt, atmet die Wärme seiner Heimat, in die er nach dreißig Jahren Exil endlich wieder zurückkehren konnte.
Als Junge haben sie ihn in Kapstadt „Dollar Brand“ gerufen, weil er ständig ein paar Scheine dabei hatte, um Matrosen Jazzplatten abkaufen zu können. Er war ein sehr begabter Schüler, aber die Verhältnisse ließen weder ein Medizin- noch ein Musikstudium zu. Das Viertel, in dem er aufwuchs, wurde von Bulldozern platt gemacht. Dollar Brand ging als Jazzpianist nach Zürich. Dort hörte ihn ein begeisterter Duke Ellington und öffnete ihm das Tor für eine Weltkarriere.
Abdullah Ibrahim, inzwischen zum Islam konvertiert, gab ein Konzert nach dem anderen, vergaß seine Heimat nicht und unterstützte den African National Congress. Er setzte sich für Nelson Mandela ein und spielte bei dessen Amtseinführung 1994.
Sie lieben seine Musik in Südafrika, denn in ihr pulsiert der Protest gegen unmenschliche Verhältnisse und der Wunsch nach Glück. Beides gehört zu Ibrahims Persönlichkeit: das Ungestüme und das Zarte. Für den 71-Jährigen, ein Tai-Chi-Meister und Mystiker, ist Jazz für die höchste Form der Musik, weil darin die Freiheit aufgehoben ist. Und: Diese Musik wird überall verstanden. In New York, wo Ibrahims Familie geblieben ist, in Kapstadt, wo er ein Haus hat und eine Musikschule eingerichtet hat, aber auch in Stuttgart, wo die Menschen sich auf den Frühling freuen. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber