Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: I Schweizer)
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Irène Schweizer - freier Jazz, freies Leben??
"Frauen" und "Free Jazz" waren viele Jahre lang zwei Begriffe, die kaum in einem Atemzug genannt wurden. Zur Änderung dieses Umstandes und der Zurkenntnisnahme von Frauen im Jazz hat Irène Schweizer, Pianistin und Initiatorin zahlreicher Projekte, massiv beigetragen. Vierzig Jahre auf der Bühne, Weggefährtin von Peter Brötzmann, Alexander von Schlippenbach, Paul Lovens u.v.a., ist sie bis heute unermüdlich dabei, ihrer Musik immer wieder ein neues Gesicht zu geben und sich weiterzuentwickeln.
Irene Schweizer
In einem E-Mail-Interview mit Carina Prange treten vielseitige Ansätze ihrer Arbeit und Lebenseinstellung zutage ...
Carina: Du wirst als "Grande Dame des Free Jazz" bezeichnet - was sagst du selbst zu einem solchen Titel?
Irène: Ab einem gewissen Alter - ich werde dieses Jahr 60 - ist dieser Titel wahrscheinlich gerechtfertigt! Ansonsten halte ich nicht viel von solchen Bezeichnungen.
Carina: Wie eng ist dein Verhältnis zu "Intakt-Records" heute - und wie hat es sich dorthin entwickelt?
Irène: Mein Verhältnis zu Intakt-Records ist ein sehr enges - ich habe diesen Verlag 1983 mitbegründet, weil ich dringend einen Verlag brauchte, der meine - damals noch LP's und heute CD's - in der Schweiz vertreibt. Die LP's, die ich in den 70er Jahren auf FMP aufgenommen habe, waren in der Schweiz sehr schlecht bis gar nicht erhältlich.
Carina: Fühlt es sich anders an, Solo-Piano-Konzerte zu geben, wenn man sonst eher in Gruppen spielt?
Irène: Es ist überhaupt nicht irritierend, Solo-Piano-Konzerte zu geben - das ist ein Teil meiner Arbeit, d.h. ich trete immer wieder als Solo-Pianistin auf - seit 1976.
Carina: Ist das Piano für dich "Klangkörper", "Schlaginstrument"? Wie würdest du deine Beziehung zu diesem Instrument beschreiben?
Irène: Das Piano ist für mich "Klangkörper" wie "Schlaginstrument". Ich versuche, die verschiedensten Sounds aus diesem Instrument herauszuholen und habe auch eine sehr perkussive Art, dieses Instrument zu spielen.
Carina: Konntest oder kannst du von der Musik leben? Wie wichtig ist für dich Authentizität in der Musik?
Irène: Inzwischen kann ich, nach 40-jähriger Berufserfahrung, von der Musik leben, aber es bedeutet, gleichzeitig mit vielen Projekten in ganz Europa und USA unterwegs zu sein, was immer anstrengender wird mit zunehmendem Alter. Authentizität ist für mich etwas ganz wichtiges in der Musik und ich lege sehr grossen Wert darauf, so authentisch wie möglich zu bleiben.
Carina: Würdest du dich als "Freejazzerin", als "Jazzerin" - oder als "Musikerin im Allgemeinen" bezeichnen? Was bedeutet das Musikmachen für dich?
Irène: Ich hasse solche Bezeichnungen im allgemeinen. Ich bezeichne mich als frei improvisierende Musikerin mit deutlichem Jazz-Background. Musikmachen bedeutet für mich das Leben spielenenderweise erfahren.
Carina: Du hast ja sehr früh angefangen, dich mit Musik und Instrumenten auseinanderzusetzen - wie hat sich das auf dein Selbstwertgefühl/Selbstbewußtsein ausgewirkt?
Irène: Ich habe mit zwölf Jahren aus eigener Initiative angefangen Klavier zu spielen - als Autodidaktin - und wußte schon von Anfang an, was ich spielen wollte. Das heißt, ich wurde von keiner Autorität dazu gezwungen. Es war mir auch immer klar, dass ich Jazz- und keine andere Musik spielen wollte. Das hat mir schon sehr früh ein gewisses Selbstbewußtsein gegeben.
Ich wußte, daß ich doppelt so gut sein mußte wie meine männlichen Partner, um mich beweisen zu können!
Carina: Hast du härter sein müssen, das Gefühl gehabt, dich stärker beweisen zu müssen als du als einzige Frau im Free-Jazz-Bereich angefangen hast?
Irène: Die ersten 20 Jahre meiner beruflichen Laufbahn war ich sozusagen immer die einzige Frau - sprich Instrumentalistin - im Jazz-Bereich, und es war eine verdammt harte Zeit. Ich wußte, daß ich doppelt so gut sein mußte wie meine männlichen Partner, um mich beweisen zu können.
Carina: Was hat sich an der Situation der Frauen im Jazz, insbesondere im Free-Jazz inzwischen geändert? Was würdest du gerne an junge Musikerinnen weitergeben?
Irène: Die Situation der Frauen im Jazz hat sich in den letzten 10-15 Jahren stark verändert, d.h. gebessert - es gibt inzwischen nicht mehr "nur" Sängerinnen, sondern eine ganze Anzahl sehr talentierter Instrumentalistinnen, was eine grosse Bereicherung in diesem Business ist. Leider haben immer noch viele Veranstalter, die ihre Festivals planen, keine einzige Musikerin im Programm, was ich nie verstehen werde. Jungen Musikerinnen wünsche ich eine gute Portion Durchsetzungswillen in diesem immer noch sehr männlich dominierten Business.
Carina: Musik - Frauenbewegung - Politik - wo liegen da die Querverbindungen bzw. inwiefern beeinflußt sich das gegenseitig?
Irène: Die FIG Feminist Improvising Group, die Ende der 70er Jahre in England entstanden ist und der ich auch angehörte, hatte sich damals aus der Frauenbewegung heraus entwickelt und hatte eine klare politische Haltung. Heute weiss ich nicht, wo die Querverbindungen zwischen Musik - Frauenbewegung - Politik liegen. Ich glaube, das hängt ganz individuell von den jeweiligen Musikerinnen ab, was für eine Art von Musik sie spielen und wo sie politisch stehen.
Carina: Mehr als 35 Jahre im Musikgeschäft/Beteiligung an der Freien Musik - im Rückblick: hat es sich gelohnt und: was lief anders als erwartet?
Irène: Ob es sicht gelohnt hat, fragt sich, in welcher Hinsicht, ob frau sich an materiellen Wertmasstäben mißt! Mit dem Musikmachen in der Freien Musikbranche bin ich sicher bis anhin nicht reich geworden, aber eines weiß ich ganz bestimmt: daß die Musik mir ganz viel für meine persönliche Entwicklung gebracht hat. Im Rückblick lief ganz vieles anders als erwartet, aber das macht ja das Leben so spannend, nicht?
Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?
Irène: Meine Lebensphilosophie: das Leben und die Musik leidenschaftlich zu lieben!
Foto: Intakt Records
Mehr zu Irène Schweizer im Internet: www.fmp-online.de und www.intaktrec.ch
© ZEIT online 10.10.2005
Fräulein Schweizer erreicht den Gipfel
Die beste Jazzpianistin Europas im besten Konzertsaal der Welt: Irene Schweizer im KKL. Aus Luzern berichtet Ulrich Stock
© Prisca Ketterer
Man schreibt das immer so hin: „die beste Jazzpianistin Europas“. Als wäre Jazz ein Wettbewerb! Als wäre der beste Jazz nicht gerade jener, der frei ist von diesem unseligen Virtuositätszwang der Männermusik…
Fakt ist: So viele Jazzpianistinnen gibt’s in Europa nicht, und die, die uns einfallen, finden wir alle ziemlich gut. Sylvie Courvoisier, auch aus der Schweiz, aus Lausanne. Aki Takase aus Japan, aber seit Jahrzehnten in Berlin.
Und eben Irène Schweizer, aus Zürich. Sie ist mit ihren 64 Jahren Europas erfahrenste Jazzpianistin. Sie ist in den Sechziger Jahren erstmals aufgetreten, angekündigt als „Fräulein Schweizer“; der jungfräuliche Titel ging 1968 im Strahl der Wasserwerfer baden. Sie begründete den europäischen Freejazz mit, sie ging in den Siebzigern mit Frauengruppen auf die Bühne. Les Diaboliques heißt ihre beständigste Formation, mit der Französin Joelle Leandre und der Engländerin Maggie Nicols. Freies, befreites, befreiendes Zusammenspiel von Klavier, Kontrabass und jeder Menge geflüsterter, gestöhnter, gekreischter Laute. Schon mehr als Musik: Performance, Genderkunst.
Hexensabbat nannte sie eine ihrer ersten Schallplatten, 1978 noch beim Berliner Label FMP. Das Cover zeigte Besen und Staubsauger in giftigem Lila. Später, viel später, im Jahr 2000, wurde sie nach Amerika eingeladen, bannte auf Band eine Summe ihrer Jahre: Chicago Piano Solo, live im Empty Bottle Club, erschienen wie vorher und nachher alles bei intakt, ihrem Zürcher Label.
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Irène Schweizer ist von unten gekommen, vom Rheinfall zu Schaffhausen, vom elterlichen Boogie-Woogie-Landgasthaus; sie ist in die feministische, homosexuelle Zürcher Gegenkultur entwitcht, und sie hat allen Widerstand, allen Eigensinn (und allen Zweifel!) über vier Jahrzehnte hinweg in eine kristallklare, elastische, aktuelle und inzwischen sogar traditionsbewusste Kunst überführt.
Die offizielle Schweiz brauchte eine Weile, dies zu bemerken und anzuerkennen, aber 1991 hat Irène Schweizer den Kunstpreis der Stadt Zürich bekommen und jetzt hat sie unter allgemeinem Beifall den höchsten Gipfel ihres Heimatlandes erklommen, das war am vergangenen Wochenende, dem 8. Oktober 2005: Sie spielt abends um acht im weihevollen KKL, auf Einladung der Chefin des Hauses zur Eröffnung einer neuen Serie, director’s choice. Sie vor 1500 Gästen in der Salle Blanche, vor Unzähligen draußen am Radio, DRS 2 überträgt live. Sie und der Flügel, Ragtime und Monk, Free Jazz und Rock and Roll, das Publikum erhebt sich zu Ovationen im Stehen.
© Prisca Ketterer
Man schreibt das einfach so hin: „bester Konzertsaal der Welt“. Aber wenn’s falsch wäre, dann nicht sehr falsch. Das Kultur- und Kongresszentrum Luzern kennen die Freunde klassischer Musik rund um den Globus nur als KKL. Daniel Barenboim, Simon Rattle, Kent Nagano, sie alle haben auf eben dieser Bühne gestanden und sind des Lobes voll. Ricardo Muti sprach vom „vom besten Saal der Welt“.
„Jazz statt Klassik“, heißt frech das Gastspiel im KKL. Der schwarze Flügel allein auf der großen Bühne, in all dem Weiß, Irène Schweizer in grauem Anzug, Zwischentöne suchend. Lyrisch der Beginn, später dann zupackend, entschlossen, zum Schluss Bill Haley mit einem Schuss Boogie Woogie. Versöhnlich, persönlich…
Erst nach ein paar Stücken wendet sie sich ans Publikum: "Man hat mir gesagt, ich solle ab und zu etwas ansagen. Es ginge nicht ein Konzert nur mit Musik." Sagt’s und spielt eine Ballade, spielt mit Klöppeln und Schellen im Korpus, auf den Saiten, für die Jazzfreunde im Saal seit Jahrzehnten nur eine von vielen Möglichkeiten, für die anderen immer noch neu und unerhört. „Jetzt kommt wieder’ne Ansage“, sagt sie dann, um etwas zu sagen. Sie wirkt völlig entspannt vor diesen vielen Leuten, in diesem Ambiente.
Manch einer im Saal ist stolz und kann stolz sein, Patrik Landolt vor allen anderen, der das intakt-Label vor zwanzig Jahren gegründet hatte, weil diese Pianistin doch mehr interessante Musik hervorbrachte, als bei irgendeinem Label damals unterzubringen war. Landolt war es auch, der ihr in Schaffenskrisen den Rücken stärkte, und Krisen gab es, sonst hätte die Musik nicht zu dieser Kraft gefunden.
Welch weiten Weg das intakt-Label gegangen ist, daran erinnert die Anekdote, die der Musikredaktor Fredi Bosshard von der Zürcher Wochenzeitung WOZ erzählt. Nachdem die erste Langspielplatte Irène Schweizer Live At Taklos, intakt LP 001/1986, versehentlich den Schlitz auf der verkehrten Seite hatte, habe man bei intakt überlegt, dies als Unterscheidungsmerkmal beizubehalten und sich als „das Label mit Linksöffnung“ an den Markt zu bringen. Händler hätten ihnen vehement davon abgeraten, und so ließen es sie es dann.
Zum Konzert ist Irène Schweizer Portrait erschienen, eine CD mit dem Querschnitt ihres Schaffens; die Pianistin signiert sie nach dem Auftritt in der Seebar. Draußen dreht sich ein Riesenrad, dahinter die dunkle Weite des Vierwaldstätter Sees. Die Direktorin des KKL richtet zu Ehren der Künstlerin ein kleines Essen aus, nicht jeder Gast kommt im Anzug, Hochkultur kann so entspannt sein.
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Spät abends bringt das Schweizer Radio noch ein Schweizer-Feature; am nächsten Tag in Zürich hat der Film Premiere, in dem die Zürcher Regisseurin Gitta Gsell das Leben der Pianistin nachzeichnet.
Hoffentlich setzt sie sich nach all der Ehre jetzt nicht zur Ruhe, wär ja schade, hörte sich allerdings auch nicht so an.
Zwei weitere Kostproben aus Irène Schweizer Portrait:Irène Schweizer - Han Bennink: HackensackIrène Schweizer: Sisterhood Of SpitLesen Sie hier die WOZ-Kritik zum Filmporträt über Irène Schweizer
© ZEIT online 10.10.2005
Sa. 22.04. Alpenrauschen: Irène Schweizer & Mani Neumeier , Beginn: 20:30 Uhr
Sa. 22.04. Alpenrauschen: Irène Schweizer & Mani Neumeier Irène Schweizer und Mani Neumeier – zusammen ist das ein Jahrhundert Musik und Bühnenerfahrung. Schon früh kreuzten sich die Wege der beiden: in Zürich gründeten sie 1963 zusammen mit dem Bassisten Uli Trepte das Irène Schweizer Trio. Von 1963 bis 1967 brillierte das Trio auf allen wichtigen New-Jazz-Festivals Europas. Dann trennten sich die Wege der drei.
Dennoch kamen Irène Schweizer und Mani Neumeier im Laufe ihrer Karrieren immer wieder zusammen. Im Jahr 1997 entstand so die gemeinsame CD „European Masters Of Improvisation“. Ihre bisher letzte gemeinsame Tournee führte Irène Schweizer und Mani Neumeier 1999 durch Japan.Irène Schweizer ist Europas erfahrenste und beste Jazzpianistin. „Sie hat das europäische Instrument afrikanisiert. Sie begreift das Klavier über die Tastatur hinaus als Klangkörper, der überall berührt, gestreichelt, geschlagen werden kann. Sie vermag so formbewusst zu improvisieren, dass spontane Ideen über den Moment hinaus Gestalt bewahren. Irène Schweizer ist in der Welt der Improvisation ein Begriff.“ (Die Zeit)Mani Neumeier ist einer der spannendsten Rock-Musiker hierzuland. Der Deutsch-Schweizer spielte u.a. mit George Grunz, Wolfgang Dauner, Alexander von Schlippenbach, Schoof, Kowald, Brötzmann, Philly Joe Jones (Miles Davis) und Alfred Harth. Seit Jahrzehnten verfolgt Mani Neumeier zahlreiche Projekte – kaum ein Musiker ist so vielseitig und produktiv wie er. Dennoch bleibt noch etwas Zeit für Denkmalpflege: jedes Jahr gönnt er sich einige wenige Auftritte mit Guru Guru.Das Konzert findet statt mit der freundlichen Unterstützung von Steinway Galerie Stuttgart - Piano Centrum MatthaesIrène Schweizer – FlügelMani Neumeier – Schlagzeug zurück
~ Thomas Staiber