Artikel geschrieben am: 05.04.10

Juliette Gréco

Frankreich, verkörpert durch eine Frau, war zu Gast. Ein Konzert mit Juliette Gréco ist ein Ereignis, das unser Nachbarland von seiner besten Seite zeigt. Alles ist da Esprit, Charme und Poesie. Die Muse der Künstler und der existentialistischen Intellektuellen vom Quartier Latin, die Ikone des Chanson, singt natürlich von der Liebe. Parlez-moi d’amour. Doch im Herzen des Auftritts der Chanteuse, die am 7. Februar dreiundachtzig Jahre alt wurde, steht der Tod. L’amour et la mort – die beiden großen Antagonisten sind die Leitmotive dieser denkwürdigen Konzertnacht..

Einfühlsam begleitet von Gérard Jouannest, dem einstigen Pianisten von Jacques Brel, und von Jean-Louis Matinier, der am Vorabend noch bei den Jazztagen Akkordeon gespielt hatte, steht sie schmucklos und weiß geschminkt im Scheinwerferlicht. Unbeweglich, doch lebendig wie eine schwarze Flamme. Die Bühne, das Kleid, ihre Augen, die Dunkelheit, aus der der Beifall aufbrandet – alles ist schwarz. Schwarz wie die Nacht, schwarz wie die Anarchie, der Humor, der Tod. Cocteau schrieb einmal der Gréco die Rolle der schwarzen Rachegöttin Orphée auf den Leib; mit Miles Davis, dem schwarzen Prinz des Jazz, hatte sie eine Amour Fou. Wie eine Katze hat sich die Gréco stets den Zugriffen entzogen, vereinnahmenden Begriffen, und immer ein Geheimnis bewahrt. Woher kommt dieses rätselhafte Lächeln, wenn sie sich ein bisschen auf die Unterlippe beißt, wenn sich unter dem Gewicht des schwarzen Lidschattens ihre Augen träge öffnen?

Alt ist sie geworden, aber sie gibt alles. Welche bewundernswerte Energie! Lieder wie „Avec le temps“ von Léo Ferré oder „Je me souviens de tout“ singt sie mit soviel Emotion, dass sie nicht ohne weiteres zum nächsten Chanson springen kann und Joannest fragen muss, was nun an der Reihe sei. Wehmütig singt sie von Erinnerungen an die erste große Liebe, die sie in einem Karton aufbewahrt. Die Wörter der schönen französischen Sprache lässt sie sich auf der Zunge zergehen. Da klingt ihre Stimme ganz zart, fast mädchenhaft, ihre Hände bewegen sich schmetterlingsleicht im weißen Licht des Scheinwerfers, und manche im Publikum müssen weinen. Doch dann ballt sie kraftvoll die Fäuste und schleudert mit harter heiserer Stimme der Ungerechtigkeit und der Gewalt auf der Welt ihren Protest entgegen.

Je älter wir mit ihr werden, umso mehr berührt das andere Thema: der Tod. Wie sie wissen wir, dass der Tod kommen wird, doch wie ein Kind, das nicht schlafen gehen will, wehrt sich die 83-Jährige gegen ihn, wie eine Schülerin, die nicht gleich heim gehen möchte, will sie noch einen Umweg machen. „Warum ich? Warum jetzt?!“, fragt sie in dem anrührenden Lied "J'arrive" von Jacques Brel den Tod. „Ich will noch mal sehen, ob der Fluss noch Fluss ist, will mich noch einmal in ihm spiegeln:“ Die Menschen stehen auf und applaudieren. Eine rote Rose liegt auf der schwarzen Theaterhausbühne.


 

~ Thomas Staiber

Deko Füller
Familienbild