Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Hattler.Krauss)
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Hattler 09. 02. 03 Dieselstraße / Joo Krauss 10. 02. 03 Rogers Kiste
Sandie Wallasch, Sängerin und gar nicht kriegerische Frontfrau, singt mit heller kräftiger Mädchenstimme und bewegt sich auf der Bühne gut gelaunt wie in einer Disko. Die gestopfte Trompete von Sebastian Studnitzky füllt den Klangraum wie ein melancholischer Widerhall. Mallberry Moon – auch der Titel der gerade erschienenen CD - heißt diese erste nachhaltig treibende Nummer. Schön locker bleibt die Band, die wie ihr Chef am E-Bass, der einstige Kraan-Führer, einfach „Hattler“ heißt, auch als der Rhythmus härter, die Akzente schärfer werden. Stud setzt sich ans Rhodes Piano, aktiviert seine vorprogrammierten Samples, der Drummer markiert präzis den Takt, der Bass schaukelt und federt geschmeidig, und Sandie singt. Ihren Bauch schmückt eine Sonne, ihr Solarplexus funktioniert, und im Publikum strahlt alles mit ihr, als sie in Kussnähe zum Mikrofon „Not What You Think“ intoniert, das - wie alle Lieder - von Helmut Hattler geschrieben wurde.
Bei „Goddess Of Love“ betritt Nkechi Mbakwe, eine zweite Sängerin, die Bühne und bildet mit ihrem dunklen Alt einen reizvollen Kontrast zur hellen Stimme der weizenblonden Sandie. Der Auftritt von Hattler mit Wallasch taugt auch für größere Hallen. Umso hübscher ist es, so ein Konzert in der dichten Atmosphäre des Clubs in der Esslinger Dieselstraße zu erleben. Man muss sich wundern, dass ein derart attraktiver, tanzbarer und intelligenter Avantgarde-Pop mit starken Hiphop-Grooves und einem Schuss Acid Jazz von den Radio- und Fernsehsendern nicht längst entdeckt worden ist. Denn Hattler, der hochgelobte Bassist der Space-Rock-Gruppe Kraan und späterer Tab-Two-Partner von Joo Krauss, ist ja nun wirklich kein Unbekannter. Schon seine CD “No Eats Yes” vor zwei Jahren mit Nummern wie “Sunny Jay” war ein starkes Stück. Die aktuelle CD erst recht. Da ist sich Helmut Hattler, inzwischen 50, treu geblieben. „Entwickelt, nicht verändert“, lautet seine lapidare Selbsteinschätzung.
Tab Two stand als Kürzel für ein halbes Fab Four, für Trumpet And Bass. Joo Krauss, der Mann mit dem Horn, geht ja nun eigene Wege. Seine Rolle bei Hattler nimmt Sebastian Studnitzky ein, der seit Jahren zu den Aktivposten auf der Stuttgarter Szene, insbesondere auch in Rogers Kiste gehört. Ebenda, in Stuttgarts Jazzkneipe No. 1, trat nun Joo Krauss, 36, einen Tag nach dem Esslinger Konzert seines Ex-Partners auf. Am Montagabend, also mit der regulären Band In The Box. Der (bei Prof. Lachenmeier in München) akademisch gebildete Blechbläser aus Ulm, der früher in diversen Symphonieorchestern ins Horn stieß, ist wandlungsfähig wie ein Chamäleon: Triphop mit der SWR Big Band, De Phazz, Kosho, Passport – alles nimmt er wie’s kommt. So konsequent, aber auch festgelegt wie Helmut Hattler ist Joo Krauss nicht. Was, fragt man sich, wird in Zukunft sein Königsweg sein? Zurzeit profiliert er sich eher durch seine Vielseitigkeit: als sehr musikalischer Trompeter mit blitzsauberem Ton, glasklarer Phrasierung und raffinierten Loops, als einer, der auch die Generationen unter dreißig ansprechen kann.
Saxofonist Libor Sima hat ein scharfes Brecker-Brother-Programm der späten 70-er und frühen 90-er Jahre vorbereitet, bei dem er die Rolle von Michael, Krauss die von Randy Brecker spielt. Und wie! In der rappelvollen Kiste bietet BITB harten scharfen Angriffsjazz, der mit seinen Steigerungmechanismen und Beschleunigungen physisch anstrengt wie ein Marathonlauf, aber durch die Ausschüttung von Endorphinen jede Menge Glücksgefühle verbreitet. Auf der Bühne wie beim Publikum, das Nummern wie Slaphanging oder Skunk Funk enthusiastisch rezipiert. Thomas Staiber.
~ Thomas Staiber