Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Hart, Billy 2008)
---
Billy-Hart-Quartett, ES Jazzkeller, 25.1.2008
Billy Hart, die 67-jährige Schlagzeuglegende, macht seinem Namen alle Ehre. Mit einem heftigen Schlag auf seine Gretzsch-Drum, der wie eine Explosion durch den Jazzkeller dröhnt, beendet er jäh das angeregte Geplauder. Konzentriert lauscht das Publikum im überfüllten Gewölbe diesem schlanken athletischen Modern Jazz, den Hart mit seinem amerikanischen Quartett da präsentiert. Mit seinem Punch könnte Hart auch eine Bigband vor sich hertreiben. Nun sorgt er in dieser kleinen Combo für mächtig Druck. Und es ist kein geschmeidiges rhythmisches Fließen, an das sich der Kontrabass rankuscheln könnte, kein homogenes Fundament für verträumte Improvisationen. Nein, das Schlagzeug klingt roh und rau, ist aber ganz raffiniert strukturiert: Rhythmische Figuren überlagern und kreuzen sich da, reiben aneinander und jagen sich wie junge Katzen. Selbst bei Balladen klingt Harts Schlagzeug trocken wie eine Landsknechttrommel.
Billy Hart liebt Saxophonisten, seit er John Coltrane gehört, sich aber nicht getraut hatte, in dessen Band einzusteigen. Johannes Enders ist sein deutscher Partner, nun heißt der junge Löwe an seiner Seite Mark Turner, ein Tenorist aus der Brecker-Nachfolge. Wie zu erwarten war: Das ist ein richtig guter. Ohne Anlauf hebt er bei „Mellow B“ ab – eine Anspielung auf eine Horace-Silver-Komposition - und heizt mit lavaheißem Ton den Klangraum auf, in dem Ben Street mit seinem Kontrabass Orientierung bietet. Ethan Iverson lässt sich zu einem virtuos zerrissenen Tastenspiel beflügeln, das von fern an Meister Monk erinnert. Derweil zischen die Becken, knallen die Trommeln, während die Bass-Drum dröhnt und das Hi-Hat sich taktvoll auf und ab bewegt. Mit einer überraschend lyrischen Saxophonlinie endet „Confirmation“, Charlie Parkers berühmtes Bebop-Stück. Lautstark applaudiert das Publikum, wohl wissend, dass es hier einen der wichtigsten Schlagzeuger der jüngeren Jazzgeschichte erlebt, einen, der mit den ganz Großen gespielt hat: mit Stan Getz, Lee Konitz oder Sonny Rollins, aber eben nie mit dem Jazzriesen John Coltrane. Thomas Staiber
~ Thomas Staiber