Artikel geschrieben am: 01.01.70
--- (Datei: Hancock.Denalane06)
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Jazzopen 27. 07. 2006, Herbie Hancock Quintet, Joy Denalane, Triband
Die beim Festival oft gehörte Frage, ob dies nun noch oder schon Jazz sei, kommt bei Herbie Hancock nicht auf. Der 66-Jährige scheint der Einzige zu sein, der die Lücke schließen kann, die der Tod von Miles Davis gerissen hat. Wer über den Bierkrugrand des Dixieland hinausschaut, dorthin, wo die kühnen Landschaften des modernen Jazz sich öffnen, kommt an Herbie Hancock nicht vorbei.
Mit seinem aktuellen Quintett lässt er eine vielschichtige Nummer mit Akkorden seines Welthits „Watermelon Man“ grandios ausklingen. Zweihundert Musiker haben diese Komposition seit 1961 gecovert, seit dem glanzvollsten Debüt in den Annalen des Jazz. Lässig aus dem Hintergrund agierend, zitiert Hancock, das einstige Wunderkind und jetziger Mastermind: sich selbst. In den Vordergrund aber rückt er seine Mitspieler: die Geigerin Lili Haydn, die wie ein junger Jean-Luc Ponty ihre Spiellust kaum bändigen kann, und den Zaubergitarristen Lionel Loueke aus Benin, der bei jedem Tourneeauftritt den Bandleader mit einem anderen, bisher nie gehörten Solo überrascht. „Amazing“, nickt der anerkennend. Und der Applaus des gebannt lauschenden Publikums entlädt sich explosiv.
Dann kündigt Hancock „Hard Stuff“ an. Es folgt eine Dosis aus der Headhunter-Periode. Wie frische Äpfel kullern die Keyboardtöne durch den Klangraum, von einem heftig marschierenden E-.Bass (Matt Garrison) und einem knallharten Schlagzeug (Richie Barshay) verdichtet. Eine knackige Jazzdemonstration, signiert von einem strahlenden Herbie Hancock, dem klassisch ausgebildeten Pianisten (mit elf gab er Mozarts Klavierkonzert D-Dur) und diplomierten Elektroingenieur. Das ist Musik ohne Anmache, Musik, deren Qualität für sich selbst spricht. Die Menschen lauschen hoch konzentriert, sie spüren, dass sie Zeugen von großartigen musikalischen Momenten sind. Es sind fröhliche tänzerische, aber auch todernste Momente. Hancock, der vor zwei Wochen seine Mutter verloren hat, kündigt ein zu Herzen gehendes Lied von Lili Haydn an, das den Verlust ihrer Mutter zum Thema hat. Das Leben geht weiter. Hancock steht ganz in der Traditon des Jazz, wo auf den Funeral March ausgelassenes, dem Leben zugewandtes Musizieren folgt. Im fliegenden Wechsel vom akustischen Flügel zum elektronischen Keyboard heizt er auf und kühlt er ab. Nichts reflektiert die Vielfalt des Lebens besser als der Jazz, wie ihn Herbie Hancock lustvoll zelebriert.
Verächter sagen, Joy Denalane (sprich: Dinilani) sei eine belanglose Sängerin mit durchschnittlichen Songs und flachen Texten. Internationalen Maßstäben werde sie kaum gerecht. Für andere ist sie - und wie der Abend auf dem Pariser Platz zeigt, sind sie deutlich in der Mehrzahl – d i e deutsche Soul-Sängerin schlechthin. Die hübsche Tochter einer Kreuzbergerin und eines dunkelhäutigen Südafrikaners kann aus einem Griesgram im Nu einen Strahlemann machen, so positiv und unbekümmert ist ihre Bühnenpräsenz, so frisch und kraftvoll die Stimme. In Stuttgart hat die Frau von Max Herre einen großen Freundeskreis, ihr Konzert gerät zum Heimspiel. Auch die Schwiegereltern sind da. Die Menschen stehen auf, wiegen sich in den Hüften und klatschen den Takt: die Zwei und die Vier, ganz wie es sich gehört. Offensichtlich haben sie Spaß. Und warum auch nicht? Die Band wirkt homogen, der Chor macht Laune. Es gibt Schlimmeres, als wenn der Soul der 60-er Jahre heute ein Gastspiel gibt. Aber geben wir’s ruhig zu: zwei, drei langweiligere Nummern hat die Frau mit dem hübschen Vornamen auch im Programm.
Den undankbaren Part, vor leeren Rängen und ankommenden Besuchern aufzutreten, hatte die junge Formation „Triband“. Ihr Trost: Beim Jazzopen 2007 sind sie im Hauptprogramm.
Thomas Staiber
~ Thomas Staiber